January 17, 2011

Das Ende der Unvergleichbarkeit



Ulrich Beck: Der eigene Gott

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S. 55) Kollektivistische Christlichkeit und explosive Machterweiterung

"Um zu verstehen, dass kollektivistische Christlichkeit eine signifikante religiöse Macht ist, die in Europa auf vielfältige Weise zu beobachten ist, und um zu verstehen, was diese Christlichkeit für die Europäische Union bedeuten mag, muss man begreifen, was belonging in diesem Kontext meint. Dieses belonging ist spezifisch, historisch eingebettet und öffentlich – also eine Besonderheit, die das Kollektivchristentum beispielsweise mit dem Islam teilt. Auch wenn dieses belonging nicht mit believing zusammenfällt (wie Sozialwissenschaftler triumphal erklären), hat es einen vom westlich-europäischen Christentum klar zu unterscheidenden Charakter: Es ist gewiss nicht privat, und es ist gewiss nicht deinstitutionalisiert." (Slavica Jakelic 2006: "Secularisation, European Identity, and 'The End of the West'" in "The Hedgehog Review" no. 8, "After Secularization" p. 137)
Wenn von der Wiederbelebung der Religionen in Europa die Rede ist, muss auch folgender Widerspruch ins Blickzentrum gerückt und entziffert werden: Auf der einen Seite vollzieht sich ein grundstürzender Zerfall der religiösen Macht – immer weniger Menschen gehen in die Kirchen. Auf der anderen Seite vollzieht sich gleichzeitig eine geradezu explosive Machterweiterung der Kirche durch die im wahrsten Sinne des Wortes grenzensprengende Aufmerksamkeit für das massenmedialisierte Papsttum.



S. 57) Religiöse Gefühligkeit wie dichte Nebelschwaden

Die Weltkirche, massenmedial inszeniert und erfahrbar geworden, mobilisiert die gesamte subjektive Fragezeichen-Kultur. "Wenn sich religiöse Gefühligkeit wie dichte Nebelschwaden über die kalte Gesellschaft legt, dann muss es ernste Gründe geben. Offenkundig leben wir heute in einer Art Zeitenwende des Religiösen."
(Werner Weidenfeld – Vorstandsmitglied Bertelsmann Stiftung)
Der Katholizismus zelebriert eine Kultur des Auges.
Deren massenmediale Globalisierung ermöglicht ein weltumspannendes Anwesendsein, eine Anteilnahme ohne verpflichtende Mitgliedschaft, die die freifluktuierende Religiosität
– wenigstens eine Weltsekunde lang – zu binden vermag.


S. 60 f.) In der neuen Kommunikationsdichte der Welt endet die in der nationalen Territorialordnung begründete Unvergleichbarkeit der Religionen. Es ist dieser zeithistorische Kontext einer gemeinsamen Gegenwart und universellen Nachbarschaft aller religiösen Glaubens- und Symbolsysteme, in dem die Individualisierung [...] möglich und notwendig wird. [...] Kiran Desai beschreibt eine solche Szene des existentiellen Religionsvergleichs in ihrem Buch "The Inheritance of Loss".



S. 62 f.) Eine neue Weltgesellschaftlichkeit – Chance und Gefahr

Der Beitrag der Religionen zu den Gesellschaftsbildern der nationalstaatlichen Moderne liegt zum einen in der Verschmelzung von Nation und Religion, wie sie im "säkularen Nationalismus" oder in den nationalen "Zivilreligionen" zum Ausdruck kommen. Kein Zweifel, diese sind nach wie vor prominente Träger religiös geprägter kollektiver Identitäten.
Aber in der Globalisierung bildet sich eine neue religiös bestimmte Weltgesellschaftlichkeit heraus, in der transnationale, religiöse imagined communities, in Ergänzung, Konkurrenz und Konflikt mit den institutionalisierten Formen von Nationalgesellschaften und Nationalinstituten, an Bedeutung gewinnen.
Das erinnert an Samuel Huntingtons These vom "clash of civilizations". Dessen Schlussfolgerung ist voreilig. Huntington denkt die weltreligiös bestimmten "Zivilisationen" als territoriale Einheiten, analog zu Nationalstaaten und imperialen Supermächten, was ihn dazu verführt, zukünftige globale Konflikte entlang dieser religionszivilisatorischen Konfliktlinien vorherzusagen. Das Umgekehrte trifft zu: Die Auflösung dieser territorialen Einheit von Religion, Nation und Gesellschaft ist es, die am Beginn des 21. Jh.s zur Quelle von beidem – Chancen und Bedrohungen der Weltreligionen – wird.
Globalisierung eröffnet den alten Weltreligionen die Möglichkeit, sich aus den territorialen Zwängen des Nationalstaates herauszulösen und die transnationale, transethnische Dimension, die in ihrer Geschichte begründet liegt und durch die nationalstaatliche Ordnung verschüttet wurde, zu entdecken und neu zu entfalten. Zugleich entsteht daraus insofern eine große Bedrohung, weil die Globalisierung eine Deterritorialisierung aller kulturellen Systeme voraussetzt und forciert, also die essentiellen Bindungen von Traditionen, Völkern und Territorien auflöst, die die weltreligiösen Zivilisationen (die Huntington vor Augen stehen) definiert haben.



S. 70 f.) Das Adjektiv "religiös"

Es ist deshalb sinnvoll und nötig, zwischen Religion und religiös, zwischen Religion als Substantiv und als Adjektiv zu unterscheiden.
Das Substantiv "Religion" ordnet das religiöse Feld nach der Logik des Entweder-Oder. Das Adjektiv "religiös" dagegen ordnet es nach der Logik des Sowohl-als-Auch. Religiös sein setzt nicht die Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Organisation voraus. Es bezeichnet vielmehr eine bestimmte Einstellung zu den existentiellen Fragen des Menschen in der Welt.
Das Substantiv "Religion" geht also vom Bild der getrennten Handlungssphären mit klargeschnittenen Grenzen (Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und auch Religion) aus.
Das Adjektiv "religiös" trägt dagegen dem Verschwimmen und der Grenzenlosigkeit des Religiösen mit all seinen Paradoxien und Widersprüchen Rechnung und ermöglicht dementsprechend, die synkretistische Alternative zum monotheistischen Substantiv "Religion" überhaupt ins Blickfeld zu rücken.



S. 79) Imperiales Universalchristentum

Im Kolonialismus ist die Nachtseite des christlichen Universalismus Realität geworden. Kolonialismus ist zwar so alt wie die Zivilisation und ist integraler Teil der Geschichte nahezu aller Religionen und Zivilisationen, im Osten wie im Westen, allerdings kam der moderne westliche Kolonialismus dem Ziel einer globalen Herrschaft des universalen Christentums näher als irgendeine andere Kolonialisierungsbewegung. Mit der Kategorie des Ungläubigen, den es um seines eigenen Seelenheils willen zu bekehren gilt, legitimierten sich unvorstellbare Gewalt und Grausamkeit. [...] Kolumbus [...] vertrat den Grundsatz,

"'dass diejenigen, die nicht bereits Christen sind, nur noch Sklaven sein können,' folglich die Ausbreitung des Glaubens und die Versklavung 'unlösbar miteinander verbunden sind'." (Angenendt 2007: "Toleranz und Gewalt – Das Christentum zwischen Bibel und Schwert" S. 468)

Formal freier Taufentscheid, Gewalt(androhung) und die "Missionsschule", die einen Individualisierungs- und gesellschaftlichen Modernisierungsprozess in Gang setzen sollen, gehen eine paradoxe Verbindung ein.

"Im 'Requerimiento', einem 1513 erlassenen Gesetz, erhielt dieses Programm seine Rechtsform.
Es wurde den Indios vorgelesen und dabei die vollzogene Eroberung als theologisch legitim, als 'gerechter Krieg', dargestellt. Zusammen mit einer Kurzkatechese über die Schöpfungsgeschichte der Welt und die Erlösung durch Jesus Christus erfolgte eine Belehrung über die Autorität des Petrus, dem alle Macht, Vorherrschaft und Jurisdiktion auf der Welt übergeben sei, sowie über die Autorität des Papstes, der bestimmte Länder Amerikas dem König von Spanien geschenkt habe und deren Einwohner nun dessen Vasallen seien." (Angenendt S. 467)

Der mit Wohlwollen gepfefferte Zynismus, mit dem hier zur "freien" Entscheidung für den katholischen Glauben aufgerufen wird, ist schwer zu überbieten:

"Deswegen bitten und ersuchen wir euch nach bestem Vermögen, dass ihr auf unsere Rede hört und eine angemessene Weile darüber beratet, dass ihr die Kirche als Oberherrn der ganzen Welt und in ihrem Namen den Hohepriester, Papst genannt, sowie an seiner Statt Seine Majestät als Herrn und König dieser Insel und dieses Festlandes kraft der erwähnten Schenkung anerkennt und euch einverstanden erklärt, dass die hier anwesenden Ordensbrüder euch das Gesagte erklären und verkünden. Handelt ihr danach, dann tut ihr recht und erfüllt eure Pflicht. Dann werden seine Majestät und ich in Ihrem Namen euch mit Liebe und Güte behandeln, euch eure Frauen und Kinder frei und ohne Dienstbarkeit belassen [...] Man wird euch in diesem Falle nicht zwingen Christen zu werden [...] Wenn ihr das aber nicht tut und böswillig zögert, dann werde ich, das versichern wir euch, mit Gottes Hilfe gewaltsam gegen euch vorgehen, euch überall und auf alle nur mögliche Weise mit Krieg überziehen [...] eure Frauen und Kinder zu Sklaven machen, sie verkaufen und über sie nach dem Befehl seiner Majestät verfügen." (Angenendt S. 467 f.)


S. 86 f.) Freischwebende Religiosität

In den unscharfen Glaubensformen des "eigenen Gottes" könnte (um eine Formel von Odo Marquard aufzugreifen und abzuwandeln) eine subjektiv gewollte und verwirklichte Gewaltenteilung "im Absoluten" entstehen, die sich gegen den Alleinanspruch der monotheistischen Religionen richtet.
(Marquard 1995: "Lob des Polytheismus" S. 90-116)
Dass diese synkretistische Toleranz sich nicht nur unbemerkt im Raum der freischwebenden Religiosität ausbreitet (und, wenn überhaupt, in Europa mit mehr oder weniger großer Verachtung zur Kenntnis genommen wird), sondern auch in institutionellen Formen mit großer Selbstverständlichkeit praktiziert wird, kann man in Japan beobachten. Den Menschen dort ist es kein Problem, zu bestimmten Jahreszeiten einen Shinto-Schrein zu besuchen, die Heirat nach christlicher Zeremonie auszurichten und sich von einem buddhistischen Mönch beerdigen zu lassen. Das Erstaunen darüber resultiert aus dem monotheistischen Horizont der Gott-Monogamie ("Du sollst keine fremden Götter haben neben mir!"), der nicht nur dem japanischen Milieu des Religionseklektizismus, vielmehr ganz Ostasien fremd ist. Der Religionssoziologe Peter Berger berichtet von dem japanischen Philosophen Nakamura, der festgehalten hat,

"dass der Westen für zwei fundamentale Fehler verantwortlich ist. Der eine ist Monotheismus – es gibt nur einen Gott – und der andere ist das aristotelische Prinzip des Widerspruchs – etwas ist entweder A oder Nicht-A. Jeder intelligente Mensch in Asien, sagt er, weiß, dass es viele Götter gibt und dass Dinge sowohl A als auch Nicht-A sein können." ("An Interview with Peter Berger" in "The Hedgehog Review" no. 8, "After Secularization" p. 152-161)


S. 92 f.) Newtonsche Eindeutigkeit weicht Heisenbergscher Mehrdeutigkeit

Entsprechend kann man die Theorie reflexiver Modernisierung in drei komplexe Argumente auffächern – das Theorem der (Welt-)Risikogesellschaft, das Theorem forcierter Individualisierung und das Theorem mehrdimensionaler Globalisierung. Alle drei arbeiten die gleiche Argumentationsfigur aus und interpretieren, verstärken sich dabei wechselseitig: "Risikogesellschaft", "Individualisierung" und "Globalisierung" (bzw. "Kosmopolitisierung") sind radikalisierte Formen einer Modernisierungstechnik, die am Beginn des 21. Jh.s, auf sich selbst angewendet, die einfache Modernität auflöst. Diese einfache Modernität folgte einer Ordnungs- und Handlungslogik, die trennscharfe Grenzen zwischen Kategorien von Menschen und Religionen, Dingen und Tätigkeiten zog und klare Unterscheidungen zwischen Handlungssphären und Lebensformen traf, die ihrerseits eindeutige institutionelle Zuschreibungen von Zuständigkeiten, Kompetenzen und Verantwortungen ermöglichten. Diese Logik der Eindeutigkeit – man könnte in einer Metapher von der Newtonschen Gesellschafts-, Religions- und Politiktheorie der Ersten Moderne sprechen – wird durch eine Logik der Mehrdeutigkeit – man könnte von einer Heisenbergschen Unschärferelation des Gesellschaftlichen, Religiösen und Politischen sprechen – ersetzt. Selbstverständlich kennt auch die klassische soziologische Theorie Krisen und Funktionsstörungen, aber diese bildeten die Ausnahme. Die Vorstellung, dass die Grundlagen der modernen Welt gleichsam mit ihrem Sieg porös, aufgelöst oder in ihrer Bedeutung umgepolt werden, ist der sozialwissenschaftlichen Klassik, aber auch neueren soziologischen Theorien fremd.


S. 97) Das Faszinosum kosmopolitischer Religiosität

Die fremde Religion, die Religion des Fremden wird nicht als bedrohlich, desintegrierend, fragmentierend erfahren. Sie gilt vielmehr als bereichernd und wird entsprechend positiv bewertet. Es ist die Neugierde auf mich selbst und das Anderssein, die die Anderen für mich unersetzbar macht. Es gibt einen Egoismus der kosmopolitischen Religiosität: Wer die religiösen Traditionen und Perspektiven der Anderen in das eigene religiöse Erleben integriert, erfährt mehr über sich selbst und die Anderen. Hier liegt sicherlich das Faszinosum des eigenen Gottes begründet und damit auch die Entkopplung von Religion und Religiosität.


S. 99 f.) Karl Rahners postmoderne Dreifaltigkeit

Gibt es auch Ansätze einer "kosmopolitischen Theologie"?
Wie Francis Schüssler Fiorenza in seinem Aufsatz "Karl Rahner – A Theologian for a Cosmopolitan 21st Century" (2006) schreibt, liegt der Schlüssel zu Rahners religiöser Vision in einem dreifachen Zusammenhang, der die Grundlage seiner Theologie bildet:

"Dem Zusammenhang zwischen Wissen um das menschliche Selbst und dem Wissen um Gott, dem Zusammenhang zwischen Nächstenliebe und Gottesliebe, sowie dem Zusammenhang zwischen Liebe und Wissen. [...] Dieser dreifache Zusammenhang wird oft übersehen, wenn man Rahners Anthropologie ein abstraktes Aufklärungskonzept der Autonomie oder des Selbstinteresses zuschreibt. Dabei hat er [der dreifache Zusammenhang] wesentliche Implikationen für das Verständnis der menschlichen Würde und Rechte, die das Religiöse bestimmen. Dieser dreifache Zusammenhang schafft die Offenheit im Verständnis menschlicher Würde und Rechte für den kosmopolitischen Dialog und schafft dafür zugleich die transzendenten religiösen Grundlagen. Freiheit ist gebunden an die Verantwortung für den (religiösen) Anderen und an den Gehorsam gegenüber Gottes Willen. [...] Als Christen sind wir mit einer Welt konfrontiert, die global und kosmopolitisch geworden ist, einer Welt, die sich der Spannung zwischen dem Verlangen nach Gerechtigkeit und der zunehmenden Ausbeutung und Ungerechtigkeit immer bewusster wird. [...] Rahners komplexe und vielgesichtige Theologie antwortet darauf mit einer angemessenen theologischen Vision."

Die Veränderung der Geschäftsgrundlage



Ulrich Beck: Der eigene Gott

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S. 28) A Room of One's Own

Der eigene Gott könnte die religiöse Passform des eigenen Lebens, des eigenen Raums sein.
In ihrem Essay A Room of One's Own (London 1929) schreibt Virginia Woolf:

"Sie haben mich eingeladen, zu Ihnen über Frauen und Dichtung zu sprechen, und werden sich fragen, was hat das mit dem Thema zu tun, das ich behandeln werde – einen Raum für sich selbst?" Und sie antwortet: "Alles, was ich sagen kann, ist ein scheinbar vernachlässigenswerter Gesichtspunkt – eine Frau muss über eigenes Geld und einen Raum für sich selbst verfügen, um zur Dichterin zu werden. Wer hinter sich abschließen kann, besitzt die Möglichkeit, Konventionen zu brechen und abzustreifen.
Ein Schloss vor der Tür bedeutet demnach, eigene Gedanken zu entwickeln."


S. 32) Ein Grundthema dürfte sein, inwieweit die Auswanderung des "eigenen Gottes" aus den Kirchen in Europa und den USA, aber auch in vielen anderen im Umbruch befindlichen, weltreligiösen Landschaften anhält oder inwieweit eine "elastisch gemachte Kirche" (Ernst Troeltsch 1913: "Religiöser Individualismus und die Kirche") eine neue höhere Einheit von subjektiver Frömmigkeit und institutioneller Repräsentation hervorzubringen vermag, die diesen Trend wendet. Interessanterweise sieht Troeltsch Individualisierung als einen generellen Prozess, der "für die soziale Verfassung der Völker überhaupt", aber zugleich auch "für die Kirchen" die gesellschaftliche Geschäftsgrundlage verändert.



S. 37) Das Verdienst von Jürgen Habermas

Der Zusammenbruch der Säkularisierungstheorie ist daher weit bedeutsamer als beispielsweise der Zerfall der Sowjetunion und des Ostblocks. Trifft er doch nicht "nur" einzelne geopolitische Imperien, sondern gefährdet das Gefüge der Grundannahmen und Basisinstitutionen und damit letztlich die Zukunft der europäischen Moderne. Säkularisierung gilt (galt?) als konstitutive Voraussetzung für Demokratie und Modernität.
Es ist zweifellos das Verdienst von Jürgen Habermas ("Zwischen Naturalismus und Religion" 2005 und "Die Revitalisierung der Weltreligionen – Herausforderung für ein säkulares Selbstverständnis der Moderne?" 2007) diese tabubeladene Frage aufgeworfen zu haben.



S. 38 ff.) Kreuzigungskult auf dem Vormarsch.
Weltreligionen nehmen Weltgesellschaft vorweg

Während sich also im westeuropäischen Raum (obwohl mit großen Unterschieden) die christlichen Kirchen gespenstisch leeren (was für die Säkularisierungstheorie spricht), zeigt sich in kosmopolitischer Perspektive das entgegengesetzte Bild, nämlich die Vitalität der Religionen, insbesondere des Christentums im außereuropäischen Raum. Hier sind wir gegenwärtig Augenzeugen einer der intensivsten Ausbreitungsphasen des Christentums in seiner Geschichte.

"Erstaunlicherweise wird von manchen (beispielsweise Samuel Huntington) der demographische Faktor praktisch nur auf den globalen Islam, aber nicht auf das globale Christentum bezogen. Dabei sind viele der am schnellsten wachsenden Nationen ganz oder stark christlich geprägt. Man denke nur an Brasilien, Uganda oder die Philippinen, deren Bevölkerung sich seit 1975 fast verdoppelt hat. Einige dieser Länder werden bis 2050 erneut eine Verdopplung oder mehr erfahren, was die Rangfolge der Staaten auf der Welt hinsichtlich ihrer Bevölkerungszahl völlig verändern wird.
Dabei ist die Demographie nicht die einzige Ursache für die rapide Ausbreitung des Christentums in der Welt. Entgegen den Erwartungen der Kritiker des Kolonialismus, die das Christentum als Implantat des Westens ohne Zukunft in fremder Umwelt betrachteten, begann eine rapide Ausbreitung des Christentums in Afrika auch durch massenhafte Konversionen erst recht nach Ende der Kolonialherrschaft.
Schätzungen besagen, dass gegenwärtig in Afrika pro Tag 23.000 Menschen zur Zahl der Christen hinzukommen – durch Geburt, aber auch zu mehr als einem Sechstel durch Konversion. Der christliche Anteil an der afrikanischen Bevölkerung ist von 1965 bis 2001 von 25 auf 46 Prozent gestiegen. Sicher sind Religionsstatistiken nicht extrem zuverlässig, aber zumindest die Trendaussagen scheinen unbestreitbar. Auch in Asien gibt es erstaunliche Erfolgsgeschichten des Christentums, am spektakulärsten wohl in Südkorea. [...]
In Lateinamerika ist der Siegeszug der Pfingstbewegung und protestantischer Sekten offensichtlich mehr als ein kurzlebiges Phänomen. Diese spielen vor allem auch für Frauen eine große Rolle, weil sie sich von ihnen eine 'Reformation des machismo' versprechen."
(Hans Joas 2007: "Säkularisierung und die Weltreligionen" S. 983)

[...] Enteuropäisierung des Christentums [...] "Weltreligionen sind ein wichtiger, vielleicht der wichtigste Beitrag zur Ausdifferenzierung eines Religionssystems. Sie nehmen gleichsam die Weltgesellschaft vorweg."
(Niklas Luhmann 2000: "Die Religion der Gesellschaft" S. 157)
[...] "Die multikulturelle Weltkirche des römischen Katholizismus passt sich den Globalisierungstrends besser an als die nationalstaatlich verfassten protestantischen Kirchen, die die großen Verlierer sind. Am dynamischsten entfalten sich die dezentralisierten Netzwerke des Islam (v.a. in Afrika unterhalb der Sahara) und der Evangelikalen (v.a. in Lateinamerika). Sie zeichnen sich durch eine ekstatische, von einzelnen charismatischen Figuren entfachte Religiosität aus." (Habermas, Revitalisierung S. 2 f.)



S. 40 ff.) Das Paradox der Säkularisierung

In der einschlägigen Literatur wird Säkularisierung gleichgesetzt mit Entmachtung und Bedeutungsverlust der Religion und Religionsorganisationen. Ungestellt bleibt damit die Frage, inwieweit Säkularisierung nicht genau umgekehrt als großer Gewinn für die Religion angesehen werden kann und muss.
(Diesen Gedanken verdanke ich einem Gespräch mit Ulrich Wengenroth.) Um diesen Blickwechsel, diesen "Gestaltswitch" zu vollziehen, ist es nötig, das Paradox der Säkularisierung zu verstehen.
Greifen wir die europäische Debatte heraus. Im Anschluss an die Religionskriege wird in der frühen Neuzeit der Zerfall der weltlichen Macht der Kirche teils betrauert, teils gefeiert als Triumph der säkularen Rationalität der Wissenschaft und der irdischen Selbstbegründung politischer Herrschaft. Zwei Schlüsselakteure der Modernisierung, die sich aus dem Bann des Aberglaubens und der Machtanmaßung des Papsttums befreit haben. Aber gilt das nicht ebenso für die christliche Religion selbst? Ist nicht auch das Christentum vom Aberglauben und der schweren Bürde der Herrschaftslegitimation befreit worden?
Dient nicht gerade das, was vielen Kirchenvätern als Grund für die Entfremdung und den Niedergang der Religion erscheint – die Trennung von Religion und Wissenschaft sowie die Trennung von Religion und Staat – der Emanzipation der Religion, die sich, befreit vom Ballast unerfüllbarer Aufgaben, von nun an ihrem eigentlichen Geschäft – der Spiritualität – widmen kann? Ist also die aufgezwungene Säkularisierung, deren Klagelied den Sieg der Moderne bis heute begleitet, nicht geradezu ein Geschenk Gottes, das letztlich sogar dem Aufschwung der Religiosität im 21. Jh., der spirituellen Wiederverzauberung, die nun plötzlich überall mit großer Verwunderung, Bewunderung und Befremdung zur Kenntnis genommen wird, den Weg bereitet hat?

Säkularisierung entmachtet und ermächtigt Religion zugleich. Entthront und aus der gesellschaftlichen Mitte geworfen, ist der Religion zweierlei gelungen (wozu die Verkünder und Akteure des christlichen Heils freiwillig wohl niemals in der Lage gewesen wären). Erstens: den "Schwarzen Peter" ihrer Zuständigkeit für rationale Erkenntnis und Wissen an die Wissenschaft bzw. den Staat weiterzureichen. Nun muss die Wissenschaft ihre irdischen Entdeckungen als transzendente Wahrheit verkünden und inszenieren. Und die Politik muss in Gestalt von "Nation" und "Staat" die irdische Transzendenz der Souveränität des politischen Gemeinwesens heiligen.
Zweitens wird Religion auf diese Weise dazu gezwungen, nichts als Religion zu werden, also die unaufhebbare Spiritualität des Menschseins, das Transzendenzbedürfnis und -bewusstsein der menschlichen Existenz zu wecken, zu kultivieren, zu praktizieren, zu zelebrieren, zu reflektieren und auf diese Weise subjektiv und öffentlich zur Geltung zu bringen. Die Religion, die durch die Feuertaufe der Säkularisierung gegangen ist, weiß um die Grenzen der Religion, also um die Notwendigkeit der Selbstbegrenzung. [...]
Die Kirche ist nun nicht mehr für alles zuständig, nur noch für Spiritualität und Religiosität. In der Falle der Allzuständigkeit hingegen zappeln Wissenschaft und Staat.



S. 46 f.) Identitätsrahmen entrinnen

"Heutige Juden, wie ihre Altersgenossen in anderen religiösen Traditionen, haben bei der Suche nach Sinn eine Wende nach innen vollzogen. Sie haben sich von den Organisationen, Institutionen und Gründen gelöst, die Identität begründeten und das Verhalten prägten [...] Die grundlegende Autorität für heutige amerikanische Juden [...] bildet das souveräne Selbst. Jede Person muss nun ihr eigenes Selbst gestalten, indem sie die Elemente, die aus verschiedenen jüdischen und nicht-jüdischen Symbolrepertoires stammen, zusammenfügt, anstatt einfach den mit ihrer Geburt vorgegebenen, 'unentrinnbaren Rahmen' der Identität [...] zu übernehmen [...] Amerikanische Juden sprechen über ihr Leben und über ihren jüdischen Glauben und ihr Bekenntnis in Begriffen und Bildern des Unterwegsseins und des ständigen Fragens und der unablässigen Entwicklung. Sie vermeiden die Sprache des Angekommenseins. Es gibt keine letzten Antworten, keine unwiderruflichen Überzeugungen und Bekenntnisse."
(Steven M. Cohen, Arnold M. Eisen 2000: "The Jew within. Self, Familiy, and Community in America" S. 2, 7)



S. 49 f.) Hinkende Trennung

Was bedeutet z.B. die vielgepriesene und geforderte "Integration" der Muslime in Dtl. institutionell – also in einem Land, in dem es immer noch eine (wie es treffend heißt) "hinkende" Trennung von Kirche und Staat gibt? [...]
Aber historisch betrachtet ist Laizität das Resultat eines Kampfes zwischen atheistischen Staatsbeamten und der katho. Kirche. "Laicité" ist nicht nur anti-muslimisch, es ist anti-katholisch. Es ist in Vergessenheit geraten, dass im frühen 20. Jh. die Katholiken die öffentlichen Schulen verlassen haben. Als jetzt muslimische Einwanderer das Konzept als feindselig empfanden, tat der französische Staat so, als wäre Laizität ein fairer Handel. Es ist ein Handel, aber mit sehr hohen Kosten: Es gibt ein riesiges System katholischer Privatschulen.



S. 51 f.) Kulturtranszendierender Buchstabenfundamentalismus durch
"Reinstraum-Religionstechnik"

"Gegenwärtiger Fundamentalismus setzt insofern die Trennung von religiösen Symbolen und kulturellen Inhalten und Normen voraus. 'Hallal' beispielsweise meint gerade nicht mehr traditionale Speisen, sondern alle möglichen Speisen. Insofern erfreuen sich 'Hallal-Fastfood-Buden' gerade bei radikalen, wiedergeborenen Muslimen im Westen großer Beliebtheit und gerade nicht marokkanische oder türkische Traditionsrestaurants.
Diese Trennung bedeutet, dass es nicht etwa um einen clash of civilizations zwischen dem Westen und dem Osten geht, sondern um die Umformung des Glaubens in das, was als eine 'reine' Religion gesehen wird, die auf aus ihrem sozialen Kontext herausgelösten, religiösen Zeichen und Symbolen beruht."
(Oliver Roy 2006: "Islam in the West or Western Islam? The Disconnect of Religion and Culture" in
"The Hedgehog Review" no. 8, "After Secularization" p. 129) [...]
Ähnlich wie bei den amerikanischen Juden vollzieht sich auch bei den europäischen Muslimen eine Distanzierung von den heiligen Plätzen, Autoritäten und religiösen Organisationen und eine Hinwendung zu einer neuen, von Suchen, Auswählen und Kombinieren geprägten Spiritualität, die auch den Islam unter den Primat des individuellen Glaubens stellt. [...]
Bezeichnend für diese islamische Religiosität ist, dass sie "nicht auf die Sozialisation in einer aus der muslimischen Welt stammenden Familie zurückzuführen ist. Im Gegenteil, sie ist das Ergebnis der Emanzipation des Einzelnen von seiner Familie und deren ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen."
(Nikola Tietze 2002: "Individualisierung und Pluralisierung im Islam" in "Sozialer Sinn" 2, S. 230)



S. 53) Vertrautheit mit der Andersartigkeit

Das macht den großen Unterschied zwischen Europa und Amerika aus: In Europa, insbesondere in Dtl., müssen Muslime sich erst "integrieren", um selbst dann, wenn sie alle entsprechenden Kriterien erfüllen, kaum wirtschaftliche und politische Entfaltungs- und Partizipationschancen zu haben.
Die USA dagegen sind auf den Prinzipien des religiösen Pluralismus gegründet. Die Vielfalt der Konfessionen ist hier keine Schockerfahrung, sondern vertrauter Alltag, beispielweise dadurch, dass derselbe Arbeitsplatz von Angehörigen verschiedener Glaubensgemeinschaften wahrgenommen wird. Hier können die Menschen öffentlich fromm sein und ihre Unterschiede im Aussehen beibehalten und ihre Chancen in Wirtschaft und Gesellschaft nutzen, ohne sich zu assimilieren. [...]
Europa dagegen fremdelt im Umgang mit religiöser Andersheit, verlangt eine stärkere Assimilation und bietet eine weniger durchlässige Wirtschaft und Politik. Das bedeutet weniger Beteiligung und daher wiederum weniger Vertrautheit mit der Andersheit der Anderen seitens des Gastlandes.

Man wurde in die Amtskirche hineingeboren



Ulrich Beck 2008: Der eigene Gott
Friedensfähigkeit und Gewaltpotential der Religionen

pt 2 Die Veränderung der Geschäftsgrundlage
pt 3 Das Ende der Unvergleichbarkeit
pt 4 Die Gesellschaft im Innersten der Identität
pt 5 Die Beck'sche Standardindividualisierung
pt 6 John C. Murray SJ: Intoleranz, wenn irgend möglich

11/08'10 Prof. Beck wird neuer Ehrendoktor der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt



S. 11) Sznaider, Grande, Lau, Kermani, Angenendt und die DFG

Dieses Buch hat mehrere Fassungen durchlaufen, die alle Gegenstand intensiver Gespräche waren. Insbesondere Natan Sznaider, Edgar Grande und Christoph Lau ("Herrschaftssoziologie") haben alle "Geburtsstadien" gelesen und intensiv mit mir durchdiskutiert. Ihre Kritik, Ergänzungen und Literaturhinweise haben nicht zuletzt zu immer neuen Überarbeitungen angespornt. Früh hat Navid Kermani sich die Mühe gemacht, meine Grundthese mit mir zu besprechen. Dasselbe gilt für Wolfgang Bonß und Sven Hillenkamp. Eine öffentliche Diskussion mit Arnold Angenendt und natürlich sein Buch "Toleranz und Gewalt – Das Christentum zwischen Bibel und Schwert" haben meine Argumentation sehr geprägt. Auch dieses Mal wieder ist die Formung des Gedankens im Lebensgespräch mit Elisabeth Beck-Gernsheim wesentlich eingeflossen.
Ohne jegliche Mitschuld an meinen Übertreibungen und Auslassungen sei jedem einzelnen von Herzen gedankt.

In Zeiten wie diesen, in denen die Sozial- und Geisteswissenschaften wie selten in ihrer Geschichte bedroht sind, ist es wichtig, Zeugnis dafür abzulegen, dass dieser Abenteuerausflug in die faszinierenden Unübersichtlichkeiten der vulkanischen Religionslandschaften ohne den kreativen Diskussions- und Forschungszusammenhang des Sonderforschungsbereichs "Reflexive Modernisierung", den die Deutsche Forschungsgemeinschaft großzügig finanziert, niemals möglich geworden wäre.
Insofern gilt der DFG und all denjenigen, die diese kooperative Praxis sozialwissenschaftlicher Neugierde ermöglicht haben, mein herzlichster Dank.



S. 13) Des Soziologen enttheologisiertes Erlöserpathos

Ist es möglich, ein Buch mit dem Eingeständnis des Scheiterns zu beginnen? Ja, es ist möglich und in diesem Fall nötig, auch wenn die Ironie der Frage unverkennbar ist, denn sie hat ja bereits beantwortet, wonach sie fragt. Und darin drückt sich nicht Hochmut aus (wie mancher vielleicht vermutet), nicht ein eitles Spiel mit den eigenen Unfähigkeiten und Blindheiten. Gewiss gehört ein gutes Stück metaphysischer Ahnungslosigkeit dazu, um das leichtsinnige Wort vom "eigenen Gott" zu prägen und zu "entfalten" (was immer das heißen mag).
Prinzipiell jedoch verhält sich das Religiöse zum Soziologischen wie das Feuer zum Löschwasser.
Ich, Soziologe, der ich bin, habe im Glauben an die Erlösungskraft der soziologischen Aufklärung das Säkularismus-Idiom im Blut. Die Prämisse der Säkularisierung, pointiert gesagt: die Vorstellung, dass mit fortschreitender Modernisierung das Religiöse sich selbst erledigt, kann nicht ohne weiteres, auch wenn diese Prognose historisch widerlegt wäre, aus dem soziologischen Denken herausoperiert werden.



S. 14 f.) Wiederverzauberung und Ettys Gott

In der Soziologie gelten solche Lücken nicht als Mangel, sondern als Ausweis von Wissenschaftlichkeit. [...]
Aber ein solcher Blick ist säkularisierungskonform.
Er macht seine Leitidee sichtbar: die Entzauberung des Religiösen.
Und er macht unsichtbar, unverstehbar, was zunehmend die Wirklichkeit bestimmt:
die Wiederverzauberung durch Religion. [...]

Die niederländische Jüdin Etty Hillesum hat in ihrem Tagebuch ein Protokoll des gesuchten und gefundenen "eigenen Gottes" vorgelegt. Die handschriftlichen Aufzeichnungen beginnen im März 1941 und enden im Oktober 1943. Am Anfang des Tagebuchs führt die junge Frau das Leben einer normalen Bürgerin, doch bedroht sie der nationalsozialistischen Rassenwahn existenziell. In dem Maße, wie sich ihr äußeres Leben verengt, wendet Etty Hillesum sich nach innen. Sie liest Rilke, Dostojewski, Puschkin, Augustinus und immer wieder die Bibel. Langsam und fast unmerklich wird das Selbstgespräch zu einem Gottgespräch.
Etty Hillesum entwickelt einen besonderen Stil, wenn sie zu Gott spricht.
Sie redet zu Gott wie zu sich selbst. Sie spricht ihn unmittelbar an, ohne eine Spur von Befangenheit. Und Selbstentdeckung und Gottentdeckung, Selbstfindung und Gottfindung, Selbsterfindung und Gotterfindung fallen wie selbstverständlich zusammen.
Ihr "eigener" Gott ist nicht der Gott der Synagogen oder der Kirchen oder der "Gläubigen", die sich von "Ungläubigen" abgrenzen.
"Ihr" Gott weiß nichts von der Häresie, den Kreuzzügen, den unsäglichen Grausamkeiten der Inquisition, von Reformation und Gegenreformation oder religiös motiviertem Massenmordterrorismus.
Ihr eigener Gott ist theologiefrei, dogmenlos, geschichtsblind und vielleicht auch deshalb barmherzig und hilflos.
Sie sagt:

"Wenn ich bete, bete ich nie für mich selbst, sondern immer für andere, oder aber ich führe einen verrückten oder kindlichen oder todernsten Dialog mit dem, was in mir das Allertiefste ist und das ich der Einfachheit halber als Gott bezeichne."


S. 20 ff.) Shipwrecked mit Stil-Stunden in Gott

Etty Hillesum ist Jüdin. Aber sie ist in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem das keine Rolle spielte.
Sie wird als Jüdin ins KZ abtransportiert und vernichtet, aber sie nimmt die jüdische Identität nicht an. Sie ist aber auch nicht zum Christentum konvertiert. Etty Hillesum erfährt und praktiziert eine Radikalform des eigenen Gottes: keine Synagoge, keine Kirche, keine Glaubensgemeinschaft. War Etty Hillesum Nicht-Jüdin im Leben und Jüdin im Tod?
Selbst im Kerker des Lagers ist Etty Hillesum anwesend, ohne dazuzugehören.
Sie verwendet dafür die Metapher des "Schiffbruchs":

Ertrinkende drängeln sich um das eine Stück Treibholz im unendlichen Ozean.

"Und dann rette sich, wer kann, den anderen beiseite stoßen und ihn ertrinken lassen, das ist alles so unwürdig, und drängeln mag ich auch nicht. Ich gehöre wohl eher zu den Menschen, die lieber noch eine Weile mit zum Himmel erhobenen Augen auf dem Rücken im Ozean treiben und dann in ergebener Gelassenheit versinken."

Dieses "Nichtdazugehören" machte, wie Natan Sznaider schreibt, die Juden zu den Kosmopoliten Europas, aber auch zu den wehrlosen Opfern der Nazis.
"Die europäischen Juden waren gleichzeitig assimiliert, orthodox, jüdisch und nicht-jüdisch" (Sznaider 2008: "Gedächtnisraum Europa" S. 96). Und es ist gerade dieses Nichtdazugehören Etty Hillesums, das auf die ontologische Bosheit des antisemitischen Bewusstseins und die Entschiedenheit des antisemitischen Staates traf, diese transnationalen jüdischen Kulturen und Gesellschaften im Herzen Deutschlands und Europas auszumerzen.

[...] Die ruhigen Sätze ihres Tagebuchs, die "in einer wild durcheinander geworfenen Welt" sich der Quellen des eigenen Lebens vergewissern wollen, suchen sich ihre Leser, entzünden Leben, erschrecken, verstören, beglücken.
Fast ungewollt, beiläufig gelingt es Etty Hillesum, in der Schriftform ihrer Selbstbeobachtung und Selbstreflexion etwas allgemeines sichtbar zu machen: "Stil ist Gott." Dieses Wort Gottfried Benns gewinnt hier eine wörtliche Bedeutung. Der Stil, den Etty Hillesum in ihren Tagebüchern praktiziert, ersetzt nicht Gott (wie Benn dies meint). Vielmehr spricht Etty Hillesum in ihrem Tagebuch zu Gott wie zu sich selbst.
Der Stil schafft die Aura der unmittelbaren Teilhabe des Lesers am Gebet, das als Gespräch in der stummen Anwesenheit des hilflosen Gottes geführt wird. [...]

Und genau das ist das Geheimnis des Hillesums-Tagebuch-Stils: Auch der Leser erlebt sich nicht nur als Hörender, sondern wird im Lesen als Erzählender in das Selbstgespräch von Etty Hillesum einbezogen. Er oder sie erzählt sich selbst, also Etty Hillesum, also Gott, sein Leben. So stellt sich in der Innerlichkeit des Tagebuchs ein Stück Öffentlichkeit her. Dabei sind alle Spuren der Anstrengung von "Literatur" getilgt. Auf wundervolle Art gelingt es Etty Hillesum, die Authentizität der Eigentlichkeit und der Überschreitung zu erzeugen.
Ihre Sprache ist diese Überschreitung, diese Unmittelbarkeit der Transzendenz.
Diese unprätentiösen Sätze, das Dahinfließen des Selbst- und Gottgespräches ermöglicht das Eintauchen in den Horizont des anderen eigenen Lebens – Stil-Stunden, in denen Innen und Außen eins werden.



S. 23 f.) Das Ganze ist ein riesiger Saustall

Eine Theologie des eigenen Gottes (die ich weder schreiben kann noch will) müsste diese Verbindung zwischen dem Wissen um das menschliche Selbst und dem Wissen um die Präsenz Gottes im eigenen Leben ebenso wie die Verbindung zwischen der Liebe des Anderen – des "religiösen Anderen", des "nationalen Anderen", des "Nachbarn", des "Feindes" – und der Liebe zu Gott und die Verbindung des hilflosen Selbst mit dem hilflosen eigenen Gott ins Zentrum stellen. Daraus geht hervor, Religiosität gründet darin, dass beide – der eigene Gott und das eigene Leben – ein unbegreifliches Mysterium sind: Nur das Tragische hat Dauer.

"Manchmal kommt es mir vor, als könnte ich diese Zeit wie eine geschichtliche Epoche überblicken, deren Beginn und Ende ich sehen kann und die ich auch in das Ganze 'einzuordnen' weiß.
Und darum bin ich so dankbar: dass ich nicht im geringsten verbittert und nicht voller Hass bin, sondern dass in mir eine große Gelassenheit herrscht, die keine Gleichgültigkeit ist, und dass ich diese Zeit bis zu einem gewissen Grad sogar verstehen kann, so sonderbar das auch klingen mag!
[...] Am deprimierendsten ist, dass es unter den Leuten, mit denen ich arbeite, fast niemanden gibt, dessen innerer Horizont sich erweitert hätte.
Sie leiden auch nicht wirklich. Sie hassen.

Sie sind in bezug auf ihre eigene Position optimistisch verblendet, sie intrigieren und verteidigen ehrgeizig ihre Pöstchen, das Ganze ist ein riesiger Saustall, und es gibt Augenblicke, in denen ich meinen Kopf mutlos auf die Schreibmaschine lege und sagen möchte: Ich kann das nicht mehr aushalten. Aber es geht doch immer weiter, und ich lerne immer mehr über die Menschen hinzu."
(1981, hg. und eingeleitet von J.G. Gaarlandt: "Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-43")


S. 25) Liebe Etty, Sie konnten nicht ahnen, was Sie angerichtet haben, Sie und die vielen anderen, die ihr Leben in die Hände ihres eigenen Gottes legen. Der "eigene Gott" ist nur praktizierbar, lebbar, hoffbar, vergegenwärtigbar, wenn Gott "eigen" wird, d.h., wenn Gott, Welt und Mensch nicht mehr nur als Einheit gedacht werden können, wenn also das "Religiöse" aus dem öffentlichen Raum nach innen gekehrt wurde.
Diese Trennung, die den Unterschied zwischen Religion und Religiosität markiert, haben Sie radikalisiert, Sie haben Gott in ihre eigenen Hände genommen.
Denn vorher war man entweder Katholik oder Protestant oder Jude (oder Atheist oder Häretiker).
Man wurde in die "Amtskirche" hineingeboren, wählte, wie es die Religion verlangte, zeugte Kinder und erzog sie im Geiste der Religion, in der man aufgezogen worden war. Man zog in den Krieg mit gesegneten Waffen, selbst wenn auf der Seite des Feindes gleichfalls Katholiken, Juden oder Protestanten kämpften. Ausgerechnet in einer vom Wahnsinn des Terrors moralisch verwüsteten Welt sind Sie auf die Idee verfallen, etwas mehr verlangen zu wollen, über diese Fügsamkeit predigende Kollektivreligiosität hinaus: so als könnte man das eigene Leben, auch dessen religiöse Dimension, selber in die Hand nehmen. Eine höchst riskante und folgenreiche Idee!



S. 26 f.) Zwei unerbittliche Fragen

Und natürlich stellt sich unerbittlich die Frage: Was ist das "Eigene" am "eigenen" Gott?
Und ist der eigene "Gott" überhaupt Gott oder nur eine Vergötzung des Eigenen?
Der eigene Gott ist vor allem viele "Kein": kein Label, kein Underdog-Ausweis, keine doppelmoralische Konvention und vor allem kein "Schon-immer", kein Absolutes. Der eigene Gott ist teilbar und zusammensetzbar wie das Individuum selbst, Garant der Unabhängigkeit des Individuums und der Unabhängigkeit Gottes.
Liebe Etty, tatsächlich taucht Ihr ungezwungener Umgang mit dem eigenen Gott oft in die Beziehungssphäre einer Liebesbeziehung ein. Ja, manchmal bin ich mir als Leser unklar, ob Sie Ihren männlichen oder ihren göttlichen Geliebten ansprechen. Und Sie verfangen sich im Freiheitsparadox der Liebe. (Das Jean-Paul Sartre 1979 in "Das Sein und das Nichts" für die irdische Religion der Liebe nachgezeichnet hat.) Wie der Freiheit des geliebten Menschen wollen wir uns der Freiheit des eigenen Gottes bemächtigen.



S. 27 f.) Die Freiheit Gottes und Esoterik- wie Erotik-Messen

Wenn man allerdings die Freiheit Gottes nicht als einen Liebesautomaten denkt, der alle Wünsche erfüllt, sondern diese Freiheit ernst nimmt, besteht die Möglichkeit göttlicher Gleichgültigkeit, Ablehnung, Ignoranz. Warum sollte Gott den Menschen lieben, wenn er so frei ist und sein soll wie der ihn liebende Mensch? Kann man aber einen "eigenen" Gott beheimaten, in Schutz nehmen vor einer Welt, die im Begriff ist, sich selbst zu zerstören, wenn man ihm die Freiheit der Nichtliebe oder, radikaler noch, des Hasses zugesteht?
Vielleicht ist der Mensch nur allzu menschlich im Umgang mit dem eigenen Gott: Er will von der göttlichen Freiheit geliebt werden und verlangt, dass es diese Freiheit Gottes als solche nicht mehr gibt. Er will, dass die Freiheit Gottes sich selbst dazu bestimmt Liebe zu werden – und dies nicht nur zu Beginn des Abenteuers, sondern jeden Augenblick. Wir wollen den eigenen Gott an die Ketten unserer eigenen Wünsche, Traumata, Hysterien, Ängste und Hoffnungen legen, und gleichzeitig wollen wir die Ketten selbst in den Händen behalten. Wie aber kann man der Versuchung entkommen, den eigenen Gott zum "Kuschelgott" zu erniedrigen?

Ich könnte diese Schilderung über viele Seiten fortsetzen. Doch was Sie nicht für möglich halten werden, Etty: Ihre Geschichte des eigenen Gottes ist alltäglich geworden, platt, trivial, auf den Hund gekommen in millionenfacher Wiederholung. Zwischen Gott und Götzen wird nicht mehr unterschieden. Man bewegt sich in einer Welt der multireligiösen Zitate, deren Herkunft und Sinn man nicht kennt.
Nur selten spürt man den Hauch der fremden Vergangenheit, mit der man die Innenwände des "eigenen Gottes" religiös tapeziert. Ich greife nur einen für den New-Age-Markt bestimmten Katalog heraus – denn der eigene Gott ist käuflich geworden: Hier finden sich Angebote, die die Kraft der Kristalle preisen, neben der erlernbaren Kompetenz Birken zu umarmen, um geistige Energien freizusetzen, oder Angebote, die verraten, wohin man gehen und welche Formulare man ausfüllen muss, um wiedergeboren zu werden.
Natürlich haben all diese Reisen in das unbekannte Innerste der Seele ihren Preis. Und es ist kaum überraschend, dass es, wie es bereits Erotik-Messen, inzwischen auch Esoterik-Messen gibt, die kein religiöses Sinnbedürfnis unbeantwortet lassen – wenn man für bare Münze nimmt und mit solcher bezahlt, wie die sich entfaltende parareligiöse Weltdienstleistungsgesellschaft den Himmel auf Erden verspricht.

January 13, 2011

Mächtige Mysterien, die Geheimhaltung erfordern



The Hiram Key pt 6

pt 1 Brüderliche Liebe durch mystische Genossenschaft
pt 2 Leere Ka[rdi]näle ohne Wasser, zynische Betrüger
pt 3 Römisches Regime: Schmelztiegel der Ideologien
pt 4 Jesus 325 nach Christus in Nicäa zum Gott gewählt
pt 5 Das Puzzle um Abraham und die Schäfer-Könige
pt 7 Symbiotische Inkulturation des Zynismus am Nil
pt 8 Lieber sterben als das heilige Vertrauen verraten
pt 9 Magier, die Steine zum Reden bringen konnten
pt 10 Macht der Loge als Basis für stabile Entwicklung
pt 11 Schwammige Gottheiten für jeden Geschmack
pt 12 Qumraner-Mönche Vorbild römischer Ordensritter
pt 13 Politikmagier die das kulturell Heilige verkörpern
pt 14 Verantwortlich für 2000 Jahre Antisemitismus
pt 15 Wie Paul das Christentums erfand
pt 16 Jahbulon in Ordo-Templi-Orientis-Ritualen
pt 17 Inquisitorischer, mörderischer Kreuzigungskult
pt 18 Freimaurer als Erben der echten Lehren Jesu
pt 19 Freimaurer-Netzwerk mit 100.000 Terrorzellen



S. 117 f.) Es ist schon verblüffend

Der Nil hatte Zehntausende von Jahren kleine, vereinzelte Gruppen von Jägern ernährt, aber im Verlauf des vierten Jahrtausends v.Chr. entstanden Siedlungen von Bauern. Diese entwickelten sich zu Vorstufen von Königreichen mit abgesteckten Grenzen, die man verteidigen und schützen musste. Kämpfe waren an der Tagesordnung, ehe man merkte, dass Zusammenarbeit effektiver war als Aggression, und es bildeten sich harmonische Gemeinwesen. Irgendwann um 3100 v.Chr. gab es schließlich nur noch ein Königreich, das Ober- und Unterägypten vereinigte. [...] In grauer Vorzeit waren Magie und Religion praktisch eins, und jede mächtige Person konnte als Gott gelten.
Es hat wenig Sinn, über das zu spekulieren, was in prähistorischer Zeit geschah, aber vielleicht waren diese "Götter" Menschen, die die Geheimnisse der Baukunst kannten und sie an die Pyramidenbauer weitergaben, ehe sie weiterzogen oder ausstarben.
Die Ägypter glaubten, dass die Materie schon immer existierte. Für sie war es unlogisch zu glauben, dass ein Gott etwas aus dem Nichts erschaffen hatte. Sie waren der Ansicht, dass die Welt begann, als Ordnung ins Chaos kam, und dass es seitdem einen ständigen Kampf zwischen den Kräften der Ordnung und der Unordnung gab.
Diese Ordnung wurde von einem Gott geschaffen, den es immer schon gab – er existierte nicht nur vor den Menschen, dem Himmel und der Erde, nein, es gab ihn auch schon vor der Zeit der Götter. Dieser chaotische Zustand wurde Nun genannt, und wie die sumerische und biblische Beschreibung der Öde vor der Schöpfung war auch hier alles ein dunkler, sonnenloser wässriger Abgrund, in dem eine schöpferische Kraft alles in eine Ordnung brachte. Diese latente Kraft, die in der Substanz des Chaos lebte, wusste nichts von ihrer Existenz. Sie war eine Wahrscheinlichkeit, ein Potenzial, das verwoben war mit der Zufälligkeit der Unordnung.
Es ist schon verblüffend, wie dieser Schöpfungsbericht völlig mit der Ansicht moderner Naturwissenschaftler übereinstimmt, besonders mit der "Chaos-Theorie", die verzweigte Formen gezeigt hat, die sich innerhalb völlig unstrukturierter Ereignisse entwickeln und mathematisch wiederholen.
Es scheint, als ob die alten Ägypter unserer physikalisch begründeten Weltsicht näher gestanden hätten, als es möglich scheint – und das bei Menschen, die keine Ahnung von der Struktur der Materie hatten.



S. 118 f.) Halbgötter: Jeder König war der "Sohn Gottes"

Die Herrscher von Ägypten, zuerst die Könige, später die Pharaonen, waren Halbgötter, die durch göttliches Recht herrschten. Jeder König war der "Sohn Gottes", der im Augenblick seines Todes eins mit seinem Vater wurde und als Gott in einem kosmischen Himmel weiterlebte. Die Geschichte von Osiris erzählt, wie dieser Kreislauf der Götter und ihrer Söhne begann: Die Himmelsgöttin Nut hatte fünf Kinder. Der Älteste war Osiris, der selbst ein Halbgott war. Wie später im Alten Ägypten üblich, bekam er seine Schwester als Gemahlin. Sie hieß Isis. Mit der Hilfe seiner "rechten Hand", des Gottes Thoth, regierte er das Land weise, und das Volk gedieh. Doch sein Bruder Set neidete ihm seinen Erfolg und ermordete ihn. Dann zerteilte er Osiris' Körper und warf die einzelnen Teile in den Nil. Isis war verzweifelt, besonders deshalb, weil Osiris keinen Erben gezeugt hatte, was bedeutete, dass die Schlechtigkeit von Set auch noch mit dem Recht zu herrschen belohnt werden würde. Da sie eine kluge Göttin war, ließ Isis sich nicht entmutigen. Sie ließ alle Körperteile von Osiris suchen und zu sich bringen, damit sie sie mit Zauberkraft zusammenfügen und ihren Bruder für einen kurzen Augenblick wieder zum Leben erwecken konnte. Dann setzte sie sich auf den göttlichen Phallus, und der Samen des Osiris strömte in sie. Nachdem Isis nun von ihm schwanger war, verschmolz Osiris mit den Sternen, wo er über das Königreich der Toten herrschte. Isis gebar einen Sohn namens Horus, der zu einem Prinzen von Ägypten heranwuchs und den Mörder seines Vaters zum Duell forderte. In dem darauf folgenden Kampf entmannte Horus Set, verlor aber selbst ein Auge. Schließlich wurde der junge Horus zum Sieger erklärt und wurde der erste König. Von da an war der König immer die Verkörperung des Gottes Horus, und im Augenblick seines Todes wurde er zu Osiris und sein Sohn der neue Horus.


S. 119) Erst die Säule, dann die Pyramide

Der Bau der Pyramiden erfüllte bei den Ägyptern das gleiche Bedürfnis wie die Stufenpyramiden bei den Sumerern Mesopotamiens – sie waren künstliche Berge, die dem König und seinen Priestern dabei halfen, die Götter zu erreichen. Aber viel älter als die Pyramiden war die Säule. Sie hatte die gleiche Funktion, nämlich die Welt der Menschen mit der Welt der Götter zu verbinden.


S. 126 f.) Wie man König wird bzw. Mitglied am Hofe

Wir fanden es bedeutsam, dass die Thronbesteigung und die Krönung getrennt waren. Die Thronbesteigung fand gewöhnlich in der Morgendämmerung des ersten Tages nach dem Tod des alten Königs statt, aber die Krönung wurde viel später gefeiert. Trotz der ausführlichen Aufzeichnungen, die uns die Ägypter hinterlassen haben, wurde nie ein vollständiger Bericht von einer ägyptischen Krönung gefunden, was den Schluss zulässt, dass die wichtigen Teile völlig geheim waren und einer winzigen Gruppe nur mündlich weitergegeben wurden.
Es ist bekannt, dass die Krönung in der Pyramide von Unas stattfand. Wie in einem Tempel der Freimaurer symbolisiert die Decke den Himmel mit den Sternen.
Man ist allgemein der Ansicht, dass die Zeremonie in der letzten Nacht des abnehmenden Mondes gefeiert wurde. Sie begann bei Sonnenuntergang und dauerte die ganze Nacht bis zum Sonnenaufgang. Dies diente dazu, ein Auferstehungsritual durchzuführen, das den toten König mit Osiris vereinigte. So erklärt es Joachim Spiegel in seinem Buch "Das Auferstehungsritual der Unaspyramide".

Aus dem Ritual bei Amenophis I. geht allerdings klar hervor, dass Auferstehungszeremonien nicht nur beim Tod eines Königs verwandt wurden, sondern dass sie relativ häufig im Totentempel Anwendung gefunden zu haben scheinen, wie S.H. Hooke es in "The Kingship Rituals of Egypt" vermerkt. Das sollen angeblich Rituale zur Ehrung der königlichen Ahnen gewesen sein, aber es könnte auch sein, dass es sich hier um Initiationszeremonien für neue Mitglieder des königlichen Allerheiligsten handelte, die zuerst auferstehen mussten, ehe sie Zugang zu den "Geheimnissen und Mysterien" hatten, die mündlich seit der Zeit der Götter weitergegeben wurden.
Es ist ganz klar, dass diese Geheimnisse eine Geheimgesellschaft erforderlich machten, eine privilegierte Gruppe, die eine Gesellschaft für sich bildete. Solch eine Gruppe muss unbedingt eine Eintrittszeremonie gehabt haben, denn schließlich hatte und hat jede Eliteorganisation eine Zeremonie, die Zutritt zu einer kleinen Gruppe von Führungspersönlichkeiten gewährt.


Die Ähnlichkeiten sind frappant


Es ist bekannt, dass beim Krönungs-/Beerdigungsritual der alte König wieder aufersteht, während der neue sich dadurch als passender Kandidat beweist, indem er die Grenzen des gesamten Landes bereist (Hooke: The Kingship Rituals). Das fand aber bloß als symbolischer Akt statt, denn der neue König wurde nur durch den Tempelsaal geführt, um sich den Anwesenden – dazu gehörten auch der Gott Re und sein erster Gehilfe – als würdiger Kandidat zu erweisen. Auch bei den Freimaurern wird das neue Mitglied durch den Tempel geführt, um sich als würdiger Kandidat zu erweisen. Nachdem er den Kreis des Kompasses abgeschritten ist, wird er im Süden, Westen und schließlich im Osten gezeigt. Der erste ist der Juniorwächter, der den Mond verkörpert (Thoth war der Gott des Mondes), der Nächste ist der Seniorwächter, der die Sonne repräsentiert (Re war der Sonnengott), und schließlich dem Verehrungswürdigen Meister, den man als den auferstandenen Osiris betrachten könnte. Wie die Ägypter führen auch die Freimaurer ihre Zeremonie nachts durch. Die Ähnlichkeiten sind frappant [...]



S. 129 f.) Eine Reise zu den Sternen – mit magic Mushrooms?

Die Krönung fand in zwei Akten statt: Das erste Stadium schloss die Salbung, die Einkleidung mit einem Kragen und einer Schürze sowie die Darreichung eines Ank (das ägyptische Henkelkreuz und das Lebenssymbol) und von vier Blumen ein. Im zweiten Akt wurden die Insignien überreicht, und der Hauptteil des Rituals begann. Ein unerlässlicher Bestandteil war die Bestätigung der Union der beiden Länder und die Einkleidung des Königs mit der Präsentation der beiden Kronen und Regalien. In welchem Stadium dieses Vorgangs der König zum Gott wurde, ist nie erklärt worden (Quelle: Fairman, The Kingship Rituals of Egypt). Wir meinen, dass der zentrale und unerlässliche Teil der Zeremonie darin bestand, dass der Kandidat zu den Sternen reiste, um bei den Göttern aufgenommen zu werden und dort zum neuen Horus zu avancieren, vielleicht indem er eine spirituelle Krönung durch den toten König – der ja jetzt selbst der neue Osiris war – empfing. Irgendwann während der Nacht der Krönung müssen der alte König und der neue König dann zum Sternbild des Orion gereist sein – der eine, um in seinem himmlischen Heim zu bleiben, der andere, um zurückzukehren und über die Menschen zu herrschen.

Der neue König wird "tot" gewesen sein, wahrscheinlich durch einen Trank, den ihm der Hohepriester im Beisein des innersten Zirkels der königlichen Geheimnisträger gereicht hat.

Die Droge darin wird ein Halluzinogen gewesen sein, das eine Starre auslöste, sodass der neue König wie eine Leiche dalag. Im Laufe der Nacht ließ die Wirkung der Droge nach, und der neu geschaffene Horus kehrte von seinem Aufenthalt bei den Göttern und den früheren Königen Ägyptens zurück. Diese Rückkehr war sorgfältig abgestimmt, sodass der neue König genau dann wieder zu Bewusstsein kam, wenn der Morgenstern am Horizont aufging. Von diesem Augenblick an konnte kein Sterblicher auch nur daran denken, seine Macht zu übernehmen, die ihm von den Göttern im Himmel gegeben worden war.
Nachdem die Mitglieder der Elite, die "Geheimnisträger" beschlossen hatten, wer in den einzigartigen und erhabenen Rang des Horus erhoben werden sollte, war jede Konkurrenz ausgeschaltet.
Diese Theorie entspricht allen wissenschaftlichen Kriterien für den unbekannten Teil der Zeremonie, die den neuen König unangreifbar machte. Hier noch einmal die drei wichtigsten Auswirkungen dieser Zeremonie:
1. Sie entwaffnete die Opposition und schuf völlige Loyalität.
2. Sie machte den König zu einem Gott (offenbar konnte kein Mensch diesen Status auf sich übertragen).
3. Sie verband ihn direkt mit Ägyptens Vergangenheit (denn er hatte ja mit allen früheren Königen Kontakt gehabt).

[...] Solange es keine hieroglyphischen Aufzeichnungen darüber gibt, dass der Königskandidat eine Zeit lang "scheintot" war und zu den Sternen reiste, würden wir behaupten, dass die Hauptsache die Schöpfung des neuen Osiris war, wobei die Schöpfung des Horus ein zwingendes Nebenprodukt war.
Es gibt ein paar zufällige Beweise, die diese Theorie stützen.
Bevor wir die Gründe angeben, warum unserer Meinung nach diese Theorie stimmt, würden wir Sie gern an den Standpunkt erinnern, den wir zu Beginn dieses Buches bezüglich unseres zweischichtigen Forschungsansatzes gemacht haben. Wir wollten keine bewiesenen Fakten ignorieren und immer darauf hinweisen, wenn wir spekulieren. Anders als bei vielen anderen neuen Gedanken, die wir hier in diesem Buch vorgetragen haben, können wir keinen Beweis dafür vorbringen, dass die Krönung wirklich so ablief, aber wir haben eine Theorie entwickelt, die genau die Lücke von dem füllt, was von der Krönung bekannt ist [...]



S. 131) Christopher Wren: royalsociety.org

Viele Menschen glauben, dass die alten Ägypter die Pyramiden bauten, um ihre toten Pharaonen darin zu begraben. Doch das Zeitalter, in dem Pyramiden gebaut wurden, war wirklich nur sehr kurz, und die meisten Leser wird es überraschen zu erfahren, dass Königin Kleopatra zeitlich gesehen den Konstrukteuren des Space-Shuttle näher stand als den Erbauern der großen Pyramiden. Es ist auch gar nicht klar, dass die Pyramiden hauptsächlich als Grab für tote Könige dienten, und es wird heftig diskutiert, welchen Zweck sie erfüllen sollten.
Die St.-Pauls-Kathedrale ist ja auch nicht das Grabmal von Sir Christopher Wren – obwohl er darin begraben ist.

S. 132) Es ist bekannt, dass die gleichen Zeremonien auch in anderen Perioden durchgeführt wurden, und viele Experten halten das Ritual für weit älter als die ältesten ägyptischen Aufzeichnungen, die zirka um 3200 vor Christus entstanden.



S. 133) Wir haben einfach das Wort "Gott" in "Re" umgewandelt

Das passt doch perfekt zueinander, nicht wahr? Doch das Letztere ist kein altägyptisches Ritualgebet, sondern das Gebet in der Zeremonie des dritten Grades der Freimaurer, bevor der Kandidat einen symbolischen Tod stirbt, um dann als Meistermaurer wieder aufzuerstehen!
Wir haben einfach das Wort "Gott" in "Re" umgewandelt und "die Geheimnisse des Meistermaurers" in "Geheimnisse der Sterne", um unseren Standpunkt darzulegen – sonst ist alles unverändert.

S. 134) Wir halten es für eindeutig, dass die Ägypter den Großteil ihrer Theologie und Technologie aus den Geheimnissen der Städtebauer von Sumer übernahmen, und dass die Sumerer sehr versiert im Gebrauch von Drogen für religiöse Zwecke waren.



S. 135) Die Einheits-Theologie Ägyptens, Babylons, Jerusalems und Roms

Die nächste Frage, die wir uns stellen mussten, war die, ob solche Auferstehungsrituale nur für Krönungen reserviert waren. Die Antwort, die wir uns darauf gaben, lautete schlicht nein. Gegen Ende des Alten Reiches wurde jährlich einmal eine Form der königlichen Wiederauferstehungszeremonie abgehalten, und im Verlaufe des Mittleren Reiches wurde das Ritual auch wohlhabenden Bürgern zuteil, die wahrscheinlich aber keine Mitglieder des innersten Hofzirkels waren. Diese Leute besaßen also bestimmt nicht das geheime Wissen der königlichen Gruppe.

Die Theologie Ägyptens war zum Großteil eine Weiterentwicklung des sumerischen Glaubens, und der zukünftige jüdische (und daher auch christliche) Glauben war eine Weiterentwicklung der ägyptischen Theologie, die mit späteren babylonischen Versionen des gleichen Quellenmaterials verschmolzen wurde. Wir hatten bereits entdeckt, dass bei den Essenern der Jerusalemer Urgemeinde und den Freimaurern der Morgenstern das Symbol der Wiedergeburt war, und wir fanden Parallelen dazu auch im alten Ägypten. Die Pyramidentexte 357, 929, 935 und 1707 bezeichnen das Kind des toten Königs (den Horus) als Verkörperung des Morgensterns.
Interessant ist auch, dass die ägyptische Hieroglyphe für den Morgenstern buchstäblich "göttliches Wissen" bedeutet. Das scheint unsere These zu stützen, dass der Königskandidat in den Status des neuen Gottkönigs Horus erhoben wurde, indem er an den Geheimnissen der Götter im Land der Toten teilhatte. Dort lernte er die großen Geheimnisse, ehe er zu dem Zeitpunkt auf die Erde zurückkehrte, als der Morgenstern kurz vor Sonnenaufgang am Horizont aufging.

Das Puzzle um Abraham und die Schäfer-Könige



The Hiram Key pt 5

pt 1 Brüderliche Liebe durch mystische Genossenschaft
pt 2 Leere Ka[rdi]näle ohne Wasser, zynische Betrüger
pt 3 Römisches Regime: Schmelztiegel der Ideologien
pt 4 Jesus 325 nach Christus in Nicäa zum Gott gewählt
pt 6 Mächtige Mysterien, die Geheimhaltung erfordern
pt 7 Symbiotische Inkulturation des Zynismus am Nil
pt 8 Lieber sterben als das heilige Vertrauen verraten
pt 9 Magier, die Steine zum Reden bringen konnten
pt 10 Macht der Loge als Basis für stabile Entwicklung
pt 11 Schwammige Gottheiten für jeden Geschmack
pt 12 Qumraner-Mönche Vorbild römischer Ordensritter
pt 13 Politikmagier die das kulturell Heilige verkörpern
pt 14 Verantwortlich für 2000 Jahre Antisemitismus
pt 15 Wie Paul das Christentums erfand
pt 16 Jahbulon in Ordo-Templi-Orientis-Ritualen
pt 17 Inquisitorischer, mörderischer Kreuzigungskult
pt 18 Freimaurer als Erben der echten Lehren Jesu
pt 19 Freimaurer-Netzwerk mit 100.000 Terrorzellen



S. 98 f.) Kapitel 6: Im Anfang erschuf der Mensch Gott

Es ist erwiesen, dass die meisten Sprachen des indischen Subkontinents, des westlichen Asiens, Europas und von Teilen Nordafrikas die gleiche Wurzel haben. Die Gemeinsamkeiten von Hunderten Dialekten haben das bewiesen. Uns kam der Gedanke, dass die gleiche Tatsache auch auf die Theologie zutreffen könnte, denn als sich die Menschen ausbreiteten, haben sie wahrscheinlich nicht nur ihre Sprache, sondern auch ihre Legenden und Götter mitgenommen. Die Verbindungen zwischen scheinbar unterschiedlichen Religionen können unserer Meinung nach genauso viele Gleichheiten zutage fördern, wie es den Philologen bei der Sprache gelungen ist. Der Ursprung der Sprache wird sein Tausenden von Jahren gesucht. [...]

Das Buch Genesis wurde vor ca. 2700 Jahren geschrieben, weit nach der Zeit König Salomos.
Obwohl das ziemlich lange her ist, wissen wir doch heute, dass die Schrift ihren Ursprung vor mehr als doppelt so langer Zeit in einem Land mit dem schönen Namen Sumer hatte.
Sumer ist die anerkannte Geburtsstätte der Zivilisation. Schrift, Theologie und Bautechnik der Sumerer bilden die Grundlage aller späteren Kulturen des Mittleren Ostens und Europas. [...] Um 4000 v.Chr. hatten sie ein blühendes Staatswesen zwischen den beiden Flüssen Tigris und Euphrat gebildet. Heute ist das der Süden des Irak.
[...] Städtische Kulturen unterscheiden sich sehr von dörflichen Kulturen, denn die Zusammenballung vieler Menschen erfordert eine ausgeklügelte Sozialstruktur [...] Die Sumerer entwickelten hervorragende Ackerbaumethoden, und aus den Aufzeichnungen ihrer Steintafeln geht hervor, dass ihre Weizenproduktion sich durchaus mit den Ergebnissen der modern bebauten Felder Kanadas messen konnte, und das vor 4400 Jahren!
Neben dem hocheffizienten Ackerbau und der Schaffung von Industrien wie der Textilherstellung und der Keramikfabrikation erfanden die Sumerer neue Materialien wie z.B. Glas und wurden nicht nur hervorragende Glaser, sondern auch Metallarbeiter, die Gold, Kupfer und Bronze verarbeiteten.
Sie waren gute Steinmetze und schufen feine Filigranarbeiten und Holzschnitzereien, aber zweifellos war die wichtigste Erfindung dieser ungemein fähigen Menschen das Rad.



S. 100 ff.) Die Sumerer haben uns Glas und Gott beschert

In Sumer gab es immerhin zwanzig Städte. Die wichtigsten waren Ur, Kish, Eridu, Lagasch und Nippur. Jede war autonom, mit eigenem König und eigener Priesterschaft. Für die Sumerer gehörte Gott die Erde, und ohne ihn würde nichts mehr hervorgebracht. Der König war vielleicht eine Art erdgebundener Halbgott, der für die Produktivität der Gemeinschaft verantwortlich war. In der Mitte jeder Stadt befand sich das Haus ihres Gottes – der Tempel – von dem aus die Priester das gesamte Leben kontrollierten. Dazu gehörten auch die Rechtssprechung, die Verwaltung, wissenschaftliche und theologische Lehre und das religiöse Ritual. [...]
Die Sumerer haben uns u.a. das Rad, Glas, unser Alphabet, die Tageszeiten, Mathematik, die Baukunst und Gott beschert. Sie haben uns auch die ältesten bekannten historischen Aufzeichnungen hinterlassen, und als Freimaurer interessieren uns natürlich besonders die sumerischen Hinweise auf Enoch, der für die maurerische Lehre wichtig ist, und die Geschichte der Sintflut, die eine so große Rolle im Grad der maurerischen Schiffszimmerleute spielt.



S. 103) Sintflutartige Überschwemmungen durch Euphrat und Tigris

Das mesopotamische Schöpfungsepos ist zweifellos die Quelle der Schöpfungslegende der Genesis, und es schreibt Gott all die guten Sachen zu, die die bemerkenswerten Sumerer schufen.
Die Hinweise, dass Gott Gebäude schuf, sind nicht in die israelitische Geschichte übernommen worden, weil die Juden zur Zeit der Genesis als Nomaden lebten und nur in Städten gewohnt hatten, die andere gebaut hatten – nachdem sie nicht selten die Einwohner umgebracht hatten.
Der Gott der Genesis ist natürlich Jahwe, der erst ein paar hundert Jahre, nachdem diese Steintafeln geschrieben wurden, "geboren" wurde.
Nach der Meinung vieler Experten sind die Götter späterer Zivilisationen eine Weiterentwicklung der sumerischen Fruchtbarkeits- und Sturmgötter. [...] Die Sumerer betrachteten die Natur als lebendige Einheit.
Die Götter und Göttinnen waren Verkörperungen dieser lebendigen Kräfte, und jeder hatte bei den Kräften der Natur seine Rolle zu spielen.
[...] Als Freimaurer waren wir natürlich interessiert an Sturmgöttern und Fluten, weil die Freimaurerei einen Nebenzweig besitzt – den Grad der Schiffszimmerleute – der ein detailliertes Ritual pflegt, in dem es um die Geschichte von Kapitän Noah und der Legende der Sintflut geht.
Ein Problem, mit dem sich die Sumerer herumschlagen mussten, war die Überflutung der Ebenen durch Euphrat und Tigris. Von Zeit zu Zeit war die Überflutung katastrophal, und einmal muss sie besonders heftig gewesen sein, denn die Erinnerung daran wurde für alle Zeit festgehalten. Ob nun ein Bootsbauer namens Noah wirklich gelebt hat, wissen wir nicht, aber wir können sicher sein, dass es die Sintflut wirklich gegeben hat.



S. 106) Paul-Émile Botta

Keiner von uns beiden wusste vorher viel über Sumer, denn diese große Periode der Geschichte war bis etwa zur Mitte des 19. Jh.s überhaupt nicht bekannt. Erst dann nämlich machte P.-É. Botta große Ausgrabungen in dem Gebiet, das wir heute unter dem Namen Mesopotamien kennen.
Die Verbreitung dieser sumerischen Kultur muss vor mehr als 5000 Jahren stattgefunden haben.
Eines der bekanntesten Beispiele für diese kulturelle Entwicklung mit nordafrikanischem/südwestasiatischem Ursprung sind die Kelten, die durch Zentraleuropa zogen und sich schließlich in den Küstengebieten des westlichen Spanien und Englands, in Cornwall, Wales, Irland und Schottland niederließen, wo es immer noch Gruppen gibt, die genetisch rein erhalten sind, weil es keine Heiraten mit anderen Völkern gab.
Ihre verdrehten, verschlungenen Keramikmuster sind stark an die Kunst des Mittleren Ostens angelehnt, und falls es doch noch einen Zweifel geben sollte, dann hat der Vergleich des Erbguts von einer Gruppe Kelten von heute gezeigt, dass es identisch mit dem nordafrikanischer Stämme ist.



S. 107 f.) 6000 Jahre alter Beweis für gigantische Flutwelle

Die Sintflut ist selbst bei den Völkern der Antike als uraltes Ereignis verzeichnet.
Die Bibel erzählt, wie Noah samt seiner Familie und verschiedenen Tieren überlebt. In einem mesopotamischen Mythos rettet der sagenhafte König Utanapishtim Samen und Tiere vor der zerstörerischen Flut, die von Enlil geschickt wurde, um die anderen Götter zu terrorisieren. In der griechischen Mythologie bauten sich Deucalion und seine Frau Pyrrha die Arche, um dem Zorn des Zeus zu entgehen.
Vermutungen sind nicht mehr gefragt, denn der Beweis für eine große Überschwemmung vor über 6000 Jahren ist inzwischen in Ur gefunden worden, wo eine 2,5 m dicke Schicht wassergetränkten Tons ein Gebiet von über 10.000 km2 bedeckt. Das ergibt eine Breite des Gebiets vom Zweistromtal von nördlich von Bagdad bis zu der Küste des Persischen Golfes, also ein Gebiet, zu dem Teile des Iran, Irak und Kuwait von heute gehören. Um solch eine dicke Erdschicht zu hinterlassen, muss die Flutwelle gigantische Ausmaße gehabt haben, und sie hat bestimmt alle Menschen und ihre Kultur in Sumer hinweggefegt.
Dieses Datum der Sintflut erklärt auch, warum die Sumerer gegen 4000 v.Chr. scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht sind – nach der Meinung von Archäologen über Nacht. Eine vollerblühte und gebildete Kultur ohne jede Geschichte oder Ursprung, das ist in der Tat geheimnisvoll.


The possible baptism of freemasonry


Aber dieses Geheimnis hat eine ganz simple Lösung: Die Antwort lautet nämlich, dass die frühere und wahrscheinlich bedeutendere Periode in der Geschichte Sumers durch die Katastrophe wörtlich vom Erdboden verschluckt wurde und dass die wenigen überlebenden Sumerer vollständig neu anfangen mussten.
Das Hauptproblem, dem sich die Überlebenden gegenübersahen, war Menschen zu finden, die "Träger von königlichen Geheimnissen" gewesen waren, also die, die Hohepriester der untergegangenen Tempel waren und Kenntnisse in den Wissenschaften besaßen, besonders in der Baukunst.
Ein paar müssen überlebt haben, vielleicht warnte sie auch ihr Wissen über die geheimen Mysterien der Natur vor der bevorstehenden Flut, was ihnen die Zeit gab, zu flüchten oder vielleicht auch eine Arche zu bauen. Während die Geheimnisse und der Symbolismus des Bauens aus der Zeit vor der Sintflut datieren, glauben wir, dass das plötzliche, drängende Bedürfnis, "die ganze Welt" neu aufzubauen, eine neue Auffassung schuf, die darauf basierte, die stabilen, geraden und aufrechten Fundamente einer neuen Ordnung zu bauen.
Wir behaupten nicht, dass das eine Art Freimaurerei war, aber es ließ eine Verbindung zwischen der maurerischen Lehre und dem Konzept der Wiederauferstehung vermuten, denn die Welt war "tot" gewesen und wieder aus den Wasser der Schöpfung auferstanden.


Vorsprung durch Fülle an Geist *)


Vielen Menschen dürfte der Wiederaufbau von Sumer ein übermächtiges Vorhaben gewesen sein, und sie verließen wohl die Region, um sich eine neue Heimat zu suchen, die nicht wie ihr bisheriges Land von feuchtem, weichem Ton bedeckt war. Sie nahmen ihre Sprache mit, die grammatikalisch genauso ausgefeilt war wie viele Sprachen heutzutage. Dazu kamen ihr Wissen über den Ackerbau, die Geschichte ihrer Bauwerke, ihre Götter und Mythen. Auf die unkultivierten Völker Europas und Asiens müssen diese Menschen wie Götter gewirkt haben. [...]
Die Idee einer Säule oder eines heiligen Berges, die den Mittelpunkt der Erde mit dem Himmel verbinden, ist ein sumerisches Konzept, das seinen Weg in viele Religionen gefunden hat.

*) ("Eine Gemeinde, die wirklich Christus verkörpert, hat keine Zeit, über irgendwelche persönlichen Probleme und Sorgen nachzugrübeln. Sie ist bis über die Ohren mit Christus beschäftigt, damit nämlich, Ihn darzustellen und zum Ausdruck zu bringen – sei es durch wenige oder durch viele. Alles übrige muss diesem einen Anliegen und dieser einen Aufgabe weichen.
Alle Aspekte von Christus müssen in der Gemeinde ihre Gestalt und ihre Darstellung finden und von den einzelnen Gliedern Seines Leibes praktisch ausgelebt werden: Seine Erniedrigung, Seine Erhöhung, Seine Herrlichkeit, Seine Kraft, Sein Wesen, Sein Charakter, Seine Liebe, Seine Barmherzigkeit, Seine Heiligkeit, Seine Autorität, Seine Reinheit, Seine Demut, Seine Menschenfreundlichkeit, Seine Freude, Sein Vertrauen, Seine Abhängigkeit, Seine Unterwerfung unter den Willen des Vaters, Seine Fähigkeit, Wunder und Zeichen zu wirken, Seine Fruchtbarkeit, Seine Fülle: Fülle an Geist, Fülle der Hingabe, Fülle der Weisheit, Fülle des Wortes, Fülle der Gnade.")



S. 109) Mircea Eliade

Wir können sicher sein, dass diese Verbindung kein Zufall ist, weil der Name, den diese nördlichen Nomaden diesem sakralen, mythischen Turm gaben, schlicht "Sumer" ist, wie man in dem Buch "Schamanismus und archaische Ekstasetechnik" von Mircea Eliade nachlesen kann. Obwohl der allgemeinen Meinung nach alle sumerischen Tempel so aussahen, ist der berühmteste der uns allen wohlbekannte Turm zu Babel, das große Bauwerk, das mit Noahs Nachkommen in enger Verbindung steht.
Dieser Turm wurde von Nabopolassar in Babel erbaut und war ein siebenstufiger Zikkurat von über 90 m Höhe mit einem Schrein des Gottes Marduk in der Spitze.



S. 111) Eine Nomadenmischung

Abraham als Beduinen zu beschreiben, macht durchaus Sinn, denn er und die Menschen, die mit ihm reisten, besaßen kein eigenes Land.
Wir entdeckten, dass der Name Hebräer von dem Begriff "Habiru" abgeleitet wurde – ein Schimpfwort der Ägypter für die semitischen Stämme, die wie Beduinen herumwanderten.
Die jüdische Geschichtsschreibung führt ihre Abstammung auf Sem zurück, den Sohn Noahs, der ja selbst ein Charakter einer sumerischen Legende war, und später auf Abraham, der Sumer verließ, um das Gelobte Land zu finden. Wenn man bedenkt, dass es keine Spur mehr von den Bewohnern des Zweistromlandes gibt, müssen wir einfach glauben, dass viele Sumerer nach Norden und Westen gezogen und zu einem bedeutenden Teil der Nomaden geworden sind, die später zur jüdischen Nation verschmolzen. Aber alle Beweise zeigten, dass die Juden weder eine Rasse noch eine Nation sind, wie sie später glaubten, sondern eine Mischung aus unterschiedlichen Gruppen, die alle ohne Heimatland waren und eine theologische Geschichte von einer sumerischen Untergruppe adoptierten. Vielleicht einer von zehn Israeliten zur Zeit Davids und Salomos war sumerischer Abstammung, und nur ein winziger Teil dieser Menschen stammte von Abraham ab, der bestimmt nicht der einzige Sumerer war, der während der 2. Hälfte des 2. Jahrtausends v.Chr. nach Kanaan und Ägypten reiste.
Die Habiru waren deshalb von den übrigen Beduinen in Ägypten zu unterscheiden, weil sie Asiaten waren, die seltsame Kleidung anhatten, einen Bart trugen und eine fremde Sprache sprachen.



S. 112) Vergöttlichter Mongolenkönig

Archäologische Studien in jüngster Zeit haben bewiesen, dass die Kanaaniter eine hohe Kultur mit befestigten Städten und zahllosen kleineren Ortschaften besaßen, die Handel trieben, Felder bebauten und Waren produzierten. Wenn man also die Geschichten in der Bibel für bare Münze nimmt, dann war der Gott der Hebräer in Wirklichkeit eine Gestalt, die Invasion, Diebstahl und Mord rechtfertigte, also viel Ähnlichkeit mit Dschingis Khan hatte!
Was uns verblüfft, ist die Tatsache, dass die meisten Christen heutzutage glauben, das Alte Testament sei ein echter historischer Ereignisbericht, obwohl es Gott als eingebildeten, rachsüchtigen Irren zeichnet, der nicht den kleinsten Funken Mitleid hat.
Außer dem Befehl, Hunderttausende von Männern, Frauen und Kindern in den Städten abzuschlachten, die von ihren rechtmäßigen Einwohnern gestohlen werden sollten, war er auch bekannt dafür, seine Freunde ohne ersichtlichen Grund anzugreifen. In Exodus 4:24,25 lesen wir, dass Jahwe beschloss, Moses zu töten, kurz nachdem er ihm befohlen hatte, nach Ägypten zu gehen, um die "versklavten" Israeliten zu retten.



S. 113) 200 Jahre Belagerung und Unterdrückung

Obwohl es bis jetzt niemandem gelungen ist, sicher die Zeit festzulegen, zu der Abraham herumgezogen ist, ist man allgemein der Meinung, dass es nicht früher als 1900 v.Chr. und nicht später als 1600 v.Chr. war.
Wenn er im letzten Teil dieser Zeitspanne gelebt haben sollte, dann hätte er sich mitten in der Besetzung Ägyptens durch die sogenannten "Hyksos" oder "Schäfer" befunden – Könige, die die Ägypter über 200 Jahre lang belagerten und unterdrückten, nämlich von 1786 bis 1567 v.Chr. Wir waren inzwischen zu der Ansicht gekommen, dass die Geschichte sich wie ein Puzzle zusammenfügen würde, falls es eine Verbindung zwischen Abraham und den Semiten, die aus der Gegend um Jerusalem kommend, Ägypten okkupierten, gäbe.



S. 114) Die sumerische Methode

1000 bis 1300 Jahre vergingen, ehe die Geschichte von Abraham zum ersten Mal schriftlich festgehalten wurde. Bis dahin gab es über einen sehr großen Zeitraum nur die mündliche Überlieferung. Als sie dann aufgeschrieben wurde, schien es ganz natürlich, dass Abrahams Gott Jahwe gewesen sein musste, und das ungeachtet der Tatsache, dass Jahwe erst zur Zeit Moses' auftrat. Die Terminologie Moses', der den Israeliten, als er sie aus Ägypten führte, erzählte, der "Gott ihrer Väter" würde ihn leiten, ist die sumerische Methode, sich auf einen persönlichen Gott zu beziehen, der die Nachkommen Abrahams beschützt. (So schreibt es auch John Sassoon in seinem Buch "From Sumer to Jerusalem".) Obwohl nur ein winziger Teil dieser heimatlosen Asiaten (auch Proto-Juden genannt) von Abraham abstammen konnte, hatten zu dieser Zeit alle diese Legende vereinnahmt und sie als akzeptablen und noblen Grund für ihre gegenwärtigen Lebensumstände angenommen.