September 30, 2010

Das Gift christlicher Extremisten



Christopher Hitchens 2007: God is not great

pt 2 & pt 3 & pt 4 & pt 5

Are you there, God? It's me, Hitchens. ("sober journo-intellectuals")

chapter two)
Belgrad war bis in die 80er Jahre die Hauptstadt Jugoslawiens, des Landes der Südslawen. Damit war sie definitionsgemäß die Metropole eines multiethnischen und multikonfessionellen Staates. Doch ein säkularer kroatischer Intellektueller warnte mich einmal mit einer Anekdote, die mich an den Belfaster Galgenhumor erinnerte. "Wenn ich den Leuten sage, dass ich Atheist und Kroate bin," sagte er, "bitten sie mich um einen Beweis dafür, dass ich kein Serbe bin." Ein Kroate zu sein, heißt mithin, römisch-katholisch zu sein. Ein Serbe ist orthodoxer Christ. In den 40er Jahren entstand in Kroatien ein nationalsozialistischer Marionettenstaat, der unter dem Schutz des Vatikans stand und nicht nur alle Juden der Region auslöschen wollte, sondern auch versuchte, die Anhänger der anderen christlichen Konfession zum Übertritt zu zwingen. Zehntausende orthodoxer Christen wurden damals ermordet oder deportiert, und in der Nähe der Stadt Jasenovacs entstand ein riesiges Konzentrationslager. Das Regime des Generals Ante Pavelic und seiner "Ustascha"-Partei war so grauenhaft, dass sich sogar viele deutsche Offiziere davon distanzierten.

Als ich 1992 das Konzentrationslager von Jasenovacs besuchte, hatten sich die Verhältnisse umgekehrt. Die kroatischen Städte Vukovar und Dubrovnik waren von serbischen Streitkräften brutal bombardiert worden und befanden sich mittlerweile in der Hand von Slobodan Milosevic. Die vorwiegend muslimische Stadt Sarajevo war belagert und wurde rund um die Uhr bombardiert. Anderswo in Bosnien-Herzegowina, insbesondere am Fluss Drina, wurden ganze Städte geplündert und die Bewohner massakriert. Die Serben bezeichneten dies als "ethnische Säuberung", der Ausdruck " religiöse Säuberung" käme der Wahrheit aber wohl näher.
Der exkommunistische Bürokrat Milosevic war zu einem xenophoben Nationalisten mutiert. Seinen antimuslimischen Kreuzzug, der als Deckmäntelchen für die Einverleibung Bosniens in ein "Großserbien" diente, bestritt er größtenteils mit inoffiziellen Milizen, die aber seiner Kontrolle unterstanden. Diese Banden rekrutierten sich aus religiösen Eiferern, die häufig von orthodoxen Priestern und Bischöfen gesegnet wurden und hin und wieder Verstärkung von orthodoxen "Freiwilligen" aus Griechenland und Russland erhielten. Ihr besonderes Augenmerk richteten sie auf die restlose Zerstörung der osmanischen Zivilisation, so geschehen bei der besonders grauenhaften Bombardierung historischer Minarette in Banja Luka, die nicht etwa im Rahmen von Kampfhandlungen, sondern während einer Waffenruhe erfolgte.

Nicht anders – und das wird häufig vergessen – gingen ihre katholischen Gegner vor.
In Kroatien ließ man die Ustascha-Gruppen wieder aufleben und versuchte, wie schon im Zweiten Weltkrieg, die Herzegowina zu erobern. Die wunderschöne Stadt Mostar wurde bombardiert und belagert und die weltberühmte Stari Most (Alte Brücke), die auf türkische Zeiten zurückgeht und von der UNESCO als Weltkulturerbe geführt wird, so lange beschossen, bis sie in den Fluss stürzte.
Letztlich spielten extremistische katholische und orthodoxe Kräfte einander bei der blutigen Teilung und "Säuberung" Bosnien-Herzegowinas in die Hände.
Bis heute bleibt ihnen die öffentliche Schande dafür überwiegend erspart, weil die internationalen Medien immer von "den Kroaten" und "den Serben" sprachen und die Religion nur ins Feld führten, wenn von "den Muslimen" die Rede war. Doch die Begriffstrias "Kroate", "Serbe" und "Muslim" ist uneinheitlich und irreführend, da es sich um zwei Nationalitäten und eine Religion handelt – vergleichbares geschieht in der Berichterstattung über den Irak mit den drei Begriffen "Sunniten", "Schiiten" und "Kurden".
In Sarajevo lebten während der Belagerung mindestens zehntausend Serben, und einer der führenden Befehlshaber der Verteidigung, ein Offizier und Gentleman namens General Jovan Divjak, dem ich unter Beschuss die Hand schütteln durfte, war ebenfalls Serbe. Auch die jüdische Bevölkerung Sarajevos, die auf das Jahr 1492 zurückging, identifizierte sich überwiegend mit der Regierung und der bosnischen Sache.
Es wäre sehr viel zutreffender gewesen, wenn in Presse und Fernsehen berichtet worden wäre:

"Heute haben die Streitkräfte der orthodoxen Christen die Bombardierung von Sarajevo wieder aufgenommen" oder:
"Gestern hat die katholische Miliz die Stari Most zum Einsturz gebracht."

Doch die religiöse Terminologie war den "Muslimen" vorbehalten, sogar dann noch, als deren Mörder sich die Mühe machten, sich mit einem großen orthodoxen Kreuz auf dem Schultergurt oder Bildern der Jungfrau Maria auf dem Gewehrkolben kenntlich zu machen.
Auch hier gilt: Die Religion vergiftet alles, bis hin zu unserer Urteilsfähigkeit.

In Bethlehem, das gestehe ich Mr. Prager gern zu, würde ich mich an einem guten Tag in der Abenddämmerung vor der Geburtskirche durchaus sicher fühlen. In der unweit von Jerusalem gelegenen Stadt bekam Gott, so glauben es viele, in Zusammenarbeit mit einer unbefleckten Jungfrau einen Sohn.
"Die Geburt Christi war aber also getan. Als Maria, seine Mutter, dem Joseph vertraut war, fand sich's, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem heiligen Geist."
Ja, und der griechische Halbgott Perseus wurde geboren, nachdem Zeus die Jungfrau Danae in Gestalt eines Goldregens besucht und geschwängert hatte. Buddha kam durch eine Öffnung in der Hüfte seiner Mutter zur Welt. Der Aztekengott Huitzilopochtli wurde geboren, nachdem seine Mutter Coatlicue, "die mit dem Schlangenrock", einen kleinen Daunenfederball aus dem Himmel empfangen hatte. Die Jungfrau Nana pflückte die Frucht des Mandelbaums, der aus dem Blut des erschlagenen Urwesens Agdistis aufgegangen war, legte sie sich in den Schoß und gebar den Gott Attis. Die jungfräuliche Tochter eine Mongolenkönigs erwachte eines Nachts von einem grellen Licht, das sie umgab, und gebar den Dschingis Khan. Krishna wurde von der Jungfrau Devaki geboren, Horus von der Jungfrau Isis. Die Jungfrau Maia gebar Hermes, die Jungfrau Rhea Silvia Romulus.
Aus irgendeinem Grund betrachteten viele Religionen den Geburtskanal zwanghaft als Einbahnstraße, und sogar der Koran bringt der Jungfrau Maria Verehrung entgegen.
Als die päpstliche Armee zu den Kreuzzügen ausrückte, um Bethlehem und Jerusalem zurückzuerobern, machte das allerdings keinen Unterschied: Die Truppen zerstörten nebenbei jüdische Gemeinden, plünderten unterwegs das ketzerische christliche Byzanz und richteten in den engen Gassen von Jerusalem ein Massaker an, von dem hysterische Chronisten hämisch berichteten, dass das Blut den Pferden bis zum Zaumzeug stand.

S. 67, Kap. 4)
Eine hypothetische Frage: Ich werde dabei erwischt, wie ich, ein Mann von 57 Jahren, einem männlichen Baby am Penis lutsche. Wut und Ekel würden mir entgegenschlagen. Aber selbstverständlich habe ich eine Erklärung zur Hand: Ich bin ein Mohel und wurde bestellt eine Beschneidung vorzunehmen. Meine Autorität beziehe ich aus einem Text des Altertums, der mir aufträgt, den Penis des kleinen Jungen in die Hand zu nehmen, die Vorhaut ringsum einzuschneiden und die rituelle Handlung zu beenden, indem ich den Penis in den Mund nehme, die Vorhaut absauge und die amputierte Haut samt einem Mund voll Blut und Speichel ausspucke.
Diese Praxis ist bei den meisten Juden nicht mehr üblich, weil sie unhygienisch ist und zudem unangenehme Assoziationen weckt, doch die chassidischen Fundamentalisten, die bis heute auf einen Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem hoffen, führen sie noch durch. Sie betrachten den primitiven Ritus des Peri'ah Metsitsah als Teil des ursprünglichen und unzertrennlichen Bundes mit Gott. Im Jahr 2005 wurde in New York bekannt, dass sich mehrere kleine Jungen bei dem von einem 57 Jahre alten Mohel durchgeführten Ritual mit Genitalherpes angesteckt hatten, an dem mindestens zwei Kinder starben. Unter anderen Umständen hätte sich das Gesundheitsamt durch diese Nachricht dazu veranlasst gesehen, das Ritual zu verbieten, und der Bürgermeister hätte sich öffentlich davon distanziert. In der Hauptstadt der modernen Welt im ersten Jahrzehnt des 21. Jh. sollte es jedoch anders kommen: Bürgermeister Bloomberg schrieb Warnungen angesehener jüdischer Ärzte vor den Gefahren des Brauches in den Wind und wies seine Gesundheitsbehörde an, vorerst keine Entscheidung zu fällen. Es gelte nun vor allem, so Bloomberg, dafür Sorge zu tragen, dass die freie Religionsausübung nicht eingeschränkt werde. Das bekam ich in einer öffentlichen Debatte auch von Peter Steinfels, dem liberalen katholischen Redakteur, der bei der New York Times für die Rubrik Religion zuständig ist, zu hören.

Zufällig fanden in jenem Jahr Bürgermeisterwahlen in New York statt, was häufig vieles erklärt. Doch das Prinzip greift auch in anderen Religionen, anderen Bundesstaaten, anderen Städten und anderen Ländern. In weiten Teilen des animistischen und muslimischen Afrika werden Mädchen der Hölle der Beschneidung oder der Infibulation ausgesetzt, bei der, oft mit einem scharfen Stein, die Klitoris und die kleinen Labien beschnitten werden und der Vaginalausgang anschließend mit dickem Garn zugenäht wird – die Naht wird erst in der Hochzeitsnacht vom Ehemann gewaltsam geöffnet. Bis dahin verlangen das Mitgefühl und die Erfordernisse der Biologie das Belassen einer kleinen Öffnung für den Urin und das Menstruationsblut. Der Gestank, der Schmerz, die Erniedrigung und das Elend, die daraus erwachsen, übersteigen jede Vorstellungskraft. Die Folge sind Infektionen, Sterilität, Scham und der Tod vieler Frauen und Säuglinge bei der Geburt.
Keine Gesellschaft würde einen solchen Angriff auf ihre Frauen und somit auf ihren eigenen Fortbestand tolerieren, wenn der grauenhafte Brauch nicht heilig wäre. Doch auch ein New Yorker lässt Gräueltaten gegen Babys nur unter dieser Voraussetzung zu.
Eltern, die den widersinnigen Behauptungen der "Christian Science" glauben, hat man verschiedentlich angeklagt, jedoch nicht immer verurteilt, weil sie ihrem Nachwuchs dringend notwendige medizinische Hilfe verweigert hatten. Eltern, die sich "Zeugen Jehovas" nennen, erlauben für ihre Kinder keine Bluttransfusionen.
Mormonische Eltern, die daran glauben, dass einem gewissen Joseph Smith einst der Weg zu vergrabenen Goldplatten gewiesen wurde, verheiraten ihre minderjährigen Töchter bevorzugt mit einem Onkel oder Cousin, der oft bereits ältere Ehefrauen hat.

Die schiitischen Fundamentalisten im Iran haben das "Einwilligungs"-Alter auf neun Jahre gesenkt, vielleicht im bewundernden Andenken an die jüngste "Frau" des "Propheten" Mohammed.
Hindu-Kindsbräute in Indien werden ausgepeitscht und manchmal bei lebendigem Leib verbrannt, wenn die armselige Mitgift, die sie mit in die Ehe bringen, als zu gering erachtet wird. Der Vatikan und sein umfangreiches Diözesennetz mussten allein im vergangenen Jahrzehnt in zahllosen Fällen von Kindesmissbrauch und Kindesmissbehandlung ihre Komplizenschaft eingestehen. Die Vergehen waren vorwiegend aber durchaus nicht ausschließlich homosexuell motiviert, wobei bekannte Päderasten und Sadisten vor Strafe geschützt und in Gemeinden versetzt wurden, in denen sie eine noch größere Auswahl an unschuldigen und schutzlosen Opfern fanden. In Irland – einst unzweifelhaft treu der Holy Mother Church ergeben – sind heute einer Schätzung zufolge in den religiösen Schulen die nicht missbrauchten Kinder in der Minderzahl.

Nun pocht die Religion beim Schutz und bei der Bildung von Kindern auf eine Sonderrolle. "Wehe dem," sagt der Großinquisitor in Dostojewskis Die Brüder Karamasow, "der einem Kind etwas zuleide tut!" Jesus erklärt im Neuen Testament, einer, der sich eines solchen Verbrechens schuldig mache, sei besser im Meer aufgehoben, "wo es am tiefsten ist," und zwar mit einem Mühlstein um den Hals. Doch in Theorie und Praxis bedient sich die Religion der Unschuldigen und Wehrlosen für ihre Experimente.
Sollen doch die praktizierenden jüdischen Männer ihren frisch beschnittenen blutigen Penis einem Rabbi in den Mund stecken – was zumindest in New York legal wäre. Sollen sich Frauen, die ihren Schamlippen misstrauen, doch von anderen erbärmlichen Frauen beschneiden lassen. Soll sich Abraham doch zur Selbsttötung bereit erklären, um seine Demut vor dem Herrn zu beweisen oder seinen Glauben an die Stimmen in seinem Kopf. Sollen sich doch fromme Eltern bei akuten Schmerzen den Beistand durch die Medizin versagen. Soll sich meinetwegen der Priester, der sich zum Zölibat verpflichtet hat, als promisker Homosexueller betätigen. Soll sich die Gemeinde, die an Teufelsaustreibungen glaubt, doch jede Woche einen erwachsenen Sünder herauspicken und auspeitschen, bis er blutet. Soll doch der Kreationismus-Anhänger seine Kollegen in der Mittagspause belehren.
Aber das schutzlose Kinder zu diesen Zwecken missbraucht werden, kann auch der überzeugteste Säkularist getrost als Sünde bezeichnen.

Ich stelle mich nicht als moralisches Vorbild hin und würde schnell Schiffbruch erleiden, wenn ich es versuchte. Doch wenn man mich verdächtigte, ein Kind vergewaltigt, ein Kind gepeinigt, es mit einer Geschlechtskrankheit infiziert oder es in die sexuelle oder anders geartete Sklaverei verkauft zu haben, würde ich wohl über Suizid nachdenken, egal ob ich schuldig wäre oder nicht. Hätte ich aber eine solche Tat auch wirklich begangen, würde ich den Tod in jeder Form begrüßen. Diese Abscheu ist bei einem gesunden Menschen angelegt und braucht ihm nicht erst beigebracht zu werden. Da die Religion ausgerechnet dort in unerreichtem Maße straffällig geworden ist, wo moralische und ethische Autorität als universell und absolut bezeichnet werden kann, dürfen wir hier vorläufig mindestens drei Schlüsse ziehen.
Erstens: Die Religion und die Kirchen wurden vom Menschen geschaffen, und da das so offensichtlich ist, kann man es auch nicht ignorieren. Zweitens: Ethik und Moral sind vom Glauben unabhängig und lassen sich nicht aus ihm ableiten. Drittens: Da die Religion für ihre Praktiken und Glaubensinhalte eine göttliche Ausnahmeregelung geltend machen möchte, ist sie nicht nur amoralisch sondern unmoralisch (Werner Köhne).
Der unwissende Psychopath oder Rohling, der seine Kinder misshandelt, muss bestraft werden, man kann sein Handeln aber vielleicht nachvollziehen. Wer sich aber für seine Grausamkeiten auf eine himmlische Rechtfertigung beruft, ist mit dem Bösen behaftet – und stellt eine erheblich größere Gefahr dar.

I pose a hypothetical question. As a man of some fifty-seven years of age, I am discovered sucking the penis of a baby boy. I ask you to picture your own outrage and revulsion. Ah, but I have my explanation all ready. I am a mohel: an appointed circumciser and foreskin remover. My authority comes from an ancient text, which commands me to take a baby boy's penis in my hand, cut around the prepuce, and complete the action by taking his penis in my mouth, sucking off the foreskin, and spitting out the amputated flag along with a mouthful of blood and saliva.

Wenn Meme Replikatormacht haben


Susan Blackmore 1999: The Meme Machine


pt 1 & pt 2 & pt 3 & scribd.com

S. 193-198) Der memetische Antrieb funktioniert folgendermaßen)
Mit der Entstehung der Imitationsfähigkeit konnten drei neue Prozesse in Gang kommen: erstens die memetische Selektion (d.h., das Überleben einiger Meme auf Kosten anderer), zweitens die genetische Selektion, die auf die Fähigkeit hinwirkt, die neuen Meme zu imitieren (die besten Imitatoren der besten Imitatoren reproduzieren sich erfolgreicher) und drittens die genetische Selektion, die auf Paarung mit den besten Imitatoren hinwirkt. [...]
Auf den ersten Blick könnte es so aussehen, als sei der memetische Antrieb dasselbe wie der sogenannte Baldwin-Effekt, aber das ist nicht so, und ich muss erklären, warum nicht.
Der Baldwin-Effekt wurde erstmals von dem Psychologen James Baldwin beschrieben, der ihn als "neuen Faktor der Evolution" bezeichnete. (Baldwin 1896) Er erklärt, wie intelligentes Verhalten, Imitation und Lernen den Selektionsdruck, der auf die Gene wirkt, beeinflussen können.
Wie wir gesehen haben, gibt es keine lamarckistische "Vererbung erworbener Eigenschaften" in dem Sinne, dass die Ergebnisse von Lernvorgängen via Gene an die nächste Generation weitergegeben werden. Verhalten hat jedoch Einfluss auf die natürliche Selektion. [...]

Nach Baldwins eigener Darstellung gipfeln die erhabensten Erscheinungen der Intelligenz, darunter Bewusstsein, das Lernen aus Freud und Leid, mütterliche Unterweisung und Nachahmung im klugen Gebrauch menschlicher Willenskraft und Erfindungsgabe. "All diese Eigenschaften sind in höheren Organismen versammelt, und sie alle wirken zusammen, um das Überleben des Geschöpfes zu sichern. [...] Dadurch werden diejenigen angeborenen oder phylogenetischen Variationen am Leben gehalten, die sich während der Lebensspanne der Geschöpfe, die intelligente, imitative, adaptive und mechanische Modifikationen in sich tragen, an ebendiese ausleihen. Andere angeborene Variationen überleben dagegen nicht." (Baldwin 1896)
Moderner ausgedrückt: Gene für Lernen und Imitation werden von der natürlichen Selektion gefördert.
Baldwin erkannte also, dass die natürliche Selektion die Evolution der Lernfähigkeit erklären kann, ohne dass es der Vererbung erworbener Eigenschaften bedurfte. Der Baldwin-Effekt schafft neue Arten von Geschöpfen, die sich weitaus schneller an Veränderungen anpassen können als ihre Vorgänger.
Aber das ist nicht der einzige Schritt in diese Richtung. Dennett beschreibt in seiner Metapher vom "Turm des Erzeugens und Testens" einen imaginären Turm mit mehreren Stockwerken, in dem verschiedene Arten von Geschöpfen hausen. Je höher das Stockwerk, desto bessere und klügere Spielzüge können die Bewohner machen, und desto rascher und effizienter sind sie beim Auffinden solcher Züge. (Dennett 1995)

Im Erdgeschoss von Dennetts Turm leben die "Darwinischen Geschöpfe". Diese Geschöpfe entwickeln sich durch natürliche Selektion, und ihr gesamtes Verhalten wird von den Genen hervorgerufen. Fehler sind sehr kostspielig (erfolglose Geschöpfe müssen sterben), und die Entwicklung ist langsam (jedes Mal müssen neue Geschöpfe konstruiert werden).
Im nächsten Stockwerk leben die "Skinnerschen Geschöpfe", benannt nach B.F. Skinner (1953), der stets betonte, dass die operante Konditionierung (Lernen durch Versuch und Irrtum) eine Form der darwinistischen Selektion ist. Skinnersche Geschöpfe lernen. Daher stirbt statt ihres ganzen Körpers lediglich ihr Verhalten aus. Wenn etwas, das sie tun, belohnt wird, können sie es wieder tun, wenn nicht, dann werden sie es nicht wieder tun. Der Entwicklungsprozess läuft hier viel schneller ab, wie ein Geschöpf im Laufe seines Lebens viele verschiedene Verhaltensweisen ausprobieren kann.
Im dritten Stockwerk hausen die "Popperschen Geschöpfe". Sie können Verhaltensweisen noch rascher entwickeln, denn sie können sich die Ergebnisse von Handlungen im Kopf vorstellen und Probleme lösen, indem sie sie durchdenken. Sie sind nach Sir Karl Popper benannt, der einst erklärte, dass diese Fähigkeit, sich Ergebnisse vorzustellen, "erlaubt, dass unsere Hypothesen an unserer Stelle sterben" (Dennett 1995). Viele Säuger und Vögel haben dieses dritte Stockwerk erreicht.

Schließlich leben im vierten Stock die "Gregorianischen Geschöpfe", die nach dem britischen Psychologen Richard Gregory (1981) benannt sind, der als Erster darauf hinwies, dass kulturelle Artefakte nicht nur Intelligenz erfordern, um sie zunächst einmal herzustellen, sondern ihrem Besitzer auch Intelligenz verleihen. Jemand mit einer Schere kann mehr tun als jemand ohne Schere, jemand mit einem Stift kann mehr Intelligenz zeigen als jemand ohne Stift. Mit anderen Worten: Meme sind Intelligenzverstärker. Unter diesen Memen befinden sich Dennett zufolge "geistige Werkzeuge", und die wichtigsten dieser geistigen Werkzeuge sind Wörter. In einer Umwelt voller Werkzeuge, die andere geschaffen haben, und ausgestattet mit einer reichen und ausdrucksstarken Sprache können Gregorianische Geschöpfe sehr viel rascher gute Spielzüge finden und neue Verhaltensweisen entwickeln als ohne diese Hilfsmittel. Soweit wir wissen, sind wir Menschen im obersten Stockwerk des "Turm des Erzeugens und Testens" allein.
Die Bedeutung des Baldwin-Effektes sollte nun deutlich geworden sein. Der Baldwin-Effekt ist wie eine Treppe, die Geschöpfe von einem Stockwerk zum nächsten hinaufführt. Wenn die Evolution über den erforderlichen guten Trick gestolpert ist, und wenn die Kosten nicht zu hoch sind, dann überleben diejenigen Geschöpfe, die ihn besitzen, mit höherer Wahrscheinlichkeit. Bei jedem Schritt verändern sie die Umwelt, in der sie leben, sodass es noch wichtiger wird, über große Lernfähigkeit zu verfügen. Und bei jedem Schritt sind die Geschöpfe, die leichter lernen, genetisch im Vorteil. [...]

Mehrere Theorien der Koevolution berufen sich auf den Baldwin-Effekt, doch die Theorie der Gen-Mem-Koevolution, die ich vorschlage, ist um den Prozess des memetischen Antriebs erweitert.
Der entscheidende Punkt ist, dass sich, wenn Sie im obersten Stockwerk ankommen, alles verändert, und zwar dramatisch. Das ist so, weil Imitation einen zweiten Replikator schafft. Keiner der vorangegangenen Schritte hat einen zweiten Replikator hervorgebracht – zumindest keinen, der jenseits der Grenzen des Individuums arbeitet. Z.B. kann man Skinnersches Lernen und Poppersches Problemlösen als selektive Prozesse ansehen, aber sie laufen allesamt im Kopf eines einzigen Tieres ab. Man kann die Verhaltensmuster und die Hypothesen, die selektiert werden, als Replikatoren ansehen, aber sie werden nicht in die Welt entlassen, wenn sie nicht via Imitation kopiert und so zu Memen werden.
In den vierten Stock zu gelangen, bedeutet, einen Replikator freizusetzen, der sich von Geschöpf zu Geschöpf ausbreitet, und, wie es aussieht, sein eigenes Programm schreibt. Natürlich konnten die Gene das nicht vorhersehen. Sie konnten nicht wissen, dass die Selektion für Imitation einen zweiten Replikator schaffen würde, aber genau das ist geschehen, und daher treten wir in die Phase der Gen-Mem-Koevolution ein. Bei diesem Typ von Koevolution geschehen Dinge, die dazu dienen, Meme zu verbreiten, ob sie nun den Genen nutzen oder nicht – der Hund ist von der Leine, und die Sklaven erheben sich gegen ihre früheren Herren. Das ist es, was die memetische Theorie von früheren Theorien unterscheidet und alternative Voraussagen liefert. Meiner These nach ist das menschliche Gehirn ein Beispiel dafür, dass Meme Gene zwingen, immer bessere memverbreitende Maschinen zu konstruieren. Das Gehirn war gezwungen, sehr viel schneller und unter Inkaufnahme viel höherer Kosten zu wachsen, als aufgrund des biologischen Vorteils allein zu erwarten wäre, und deshalb sticht es bei jedem Gehirn/Körpermasse-Vergleich so offensichtlich heraus.
Theorien, die nur auf dem biologischen Vorteil beruhen, können nicht erklären, warum die Gene gezwungen waren, einen so hohen Preis zu bezahlen, was den Energieverbrauch und das Geburtsrisiko angeht. Theorien, die auf dem memetischen Vorteil basieren, können es.
Man könnte noch immer argumentieren, dass sich die Resultate im Hinblick auf die schiere Gehirngröße nicht so sehr von der Argumentation unterscheiden, die auf dem Baldwin-Effekt basiert. Der große Unterschied zwischen den Theorien sollte sich jedoch im Hinblick auf die Richtung zeigen, in die sich das Gehirn entwickelt, nicht nur in seiner Größe. Wenn die Meme Replikatormacht haben, dann sollten sie die Gene antreiben, ein Gehirn zu produzieren, das speziell dazu geeignet ist, sie zu replizieren, statt eines, das einem speziellen genetischen Zweck dient. Wir sollten Voraussagen ableiten können, die auf den Erfordernissen des neuen Replikators basieren, um dann nachzuschauen, ob das heutige menschliche Gehirn dazu "passt".
Das ist genau das, was ich bei der Diskussion um die Evolution der Sprache zu tun versucht habe. Das Gehirn das wir haben, ist ein Gehirn, das dafür konstruiert ist, Meme mit hoher Wiedergabetreue, hoher Fruchtbarkeit (Vermehrungsrate) und Langlebigkeit zu verbreiten.

p. 134-137) Memetic driving works like this)
Once imitation arose three new processes could begin. First, memetic selection (that is the survival of some memes at the expense of others). Second, genetic selection for the ability to imitate the new memes (the best imitators of the best imitators have higher reproductive success). Third, genetic selection for mating with the best imitators. [...] Memetic driving may look at first sight as though it is the same as what is known as the Baldwin effect but it is not and I must explain why.
The Baldwin effect was first described by the psychologist James Baldwin who referred to it as "a new factor in evolution". (Baldwin 1896) It explains how intelligent behaviour, imitation, and learning can all affect selection pressure on the genes. As we have seen, there is no Lamarckian "inheritance of acquired characteristics" in the sense of passing the results of learning on to the next generation through the genes. Behaviour, however, does have effects on natural selection. [...]
As Baldwin himself puts it – the highest phenomena of intelligence, including consciousness, the lessons of pleasure and pain, maternal instruction and imitation, culminate in the skilful performances of human volition and invention. "All these instances are associated in the higher organisms, and all of them unite to keep the creature alive [...] By this means those congenital or phylogenetic variations are kept in existence, which lend themselves to intelligent, imitative, adaptive, and mechanical modification during the lifetime of the creatures which have them. Other congenital variations are not thus kept in existence." (Baldwin 1896, p. 445, italics in the original)
In more modem terms, genes for learning and imitation will be favoured by natural selection.
Baldwin thus saw that natural selection, without need of the inheritance of acquired characteristics, could account for the evolution of the capacity to learn. The Baldwin effect creates new kinds of creatures that are capable of adapting to change far more quickly than their predecessors. But this is not the only step in this direction. Dennett explains, using his metaphor of the "Tower of Generate and Test", an imaginary tower in which each floor has creatures that are able to find better and smarter moves, and find them more quickly and efficiently (Dennett 1995).

On the ground floor of Dennett's tower live the "Darwinian creatures". These creatures evolve by natural selection and all their behaviour is built in by the genes. Mistakes are very costly (unsuccessful creatures have to die) and slow (new creatures have to be built each time).
On the next floor live the "Skinnerian creatures", named after B.F. Skinner (1953) who explicitly saw operant conditioning (learning by trial and error) as a kind of Darwinian selection. Skinnerian creatures can learn. So their behaviour is killed off rather than their whole body. If something they do is rewarded they can do it again, and if not they won't. This is much faster because one creature can try many many different behaviours in a lifetime.
On the third floor are the "Popperian creatures". They can evolve behaviours even faster because they can imagine the outcomes in their heads and solve problems by thinking about them. They are named after Sir Karl Popper who once explained that this ability to imagine outcomes "permits our hypotheses to die in our stead". (Dennett 1995, p. 375) Many mammals and birds have reached this third floor.
Finally, on the fourth floor, are the "Gregorian creatures", named after the British psychologist Richard Gregory (1981) who first pointed out that cultural artefacts not only require intelligence to produce them in the first place but also enhance their owner's intelligence. A person with a pair of scissors can do more than one without; a person with a pen can exhibit more intelligence than one without.
In other words, memes are intelligence enhancers. Among such memes are what Dennett calls "mind tools" and the most important mind tools are words. Equipped with an environment full of tools that other people have made, and with a rich and expressive language, Gregorian creatures can find good moves and evolve new behaviours very much faster than without.
As far as we know, we humans are alone on this top floor of the "Tower of Generate and Test".
The importance of the Baldwin effect should now be clear. The Baldwin effect is like the escalator that lifts creatures from one floor to the next. If the necessary good trick is stumbled upon by evolution, and if the costs are not too high, then the creatures who have it are more likely to survive. At each step, they change the environment in which they live so that it becomes ever more important to be good at learning, or whatever. And at each step the creatures who are better at learning are, genetically, at an advantage. [...]

Several theories of coevolution use the Baldwin effect, but the theory of gene meme coevolution I am proposing here adds the further process of memetic driving.
The point is that everything changes when you arrive at the top floor. And it changes dramatically. This is because imitation creates a second replicator. None of the previous steps has created a second replicator – at least, not one that operates beyond the confines of the individual. For example, Skinnerian learning and Popperian problem-solving can be seen as selective processes, but they are all going on inside one animal's head. The patterns of behaviour and the hypotheses about outcomes that are selected might be seen as replicators, but they are not let loose on the world unless they are copied by imitation and so become memes.
Getting to the fourth floor means letting loose a replicator that spreads from creature to creature, setting its own agenda as it goes. Of course the genes had no foresight. They could not know that selection for imitation would let loose a second replicator, but that is what it has done, and so we enter the phase of gene-meme coevolution. In this kind of coevolution things happen that serve to spread memes whether or not they spread genes – the dog is off its leash and the slaves have rebelled against their former owners. This is what makes the theory different from previous ones and provides alternative predictions. I suggest that the human brain is an example of memes forcing genes to build ever better and better meme-spreading devices. The brain was forced to grow bigger far faster and at much greater cost than would be predicted on the grounds of biological advantage alone, and this is why it stands out so obviously in any comparisons of encephalisation. Theories based only on biological advantage cannot explain why the genes were forced to pay such a high price in terms of energy consumption and the dangers of birth. Theories based on memetic advantage can.
You might still argue that in terms of sheer brain size the results are not so very different from the argument based on the Baldwin effect. However, the big difference between the theories should come in terms of the specific direction in which the brain evolves, not just its size. If the memes have replicator power then they should drive the genes to produce a brain that is specifically suitable for replicating them, rather than one that is designed for some specifically genetic purpose. We should be able to derive predictions based on the requirements of the new replicator to see whether the actual human brain fits the bill. This is precisely what I tried to do in the argument for the evolution of language. The brain we have is a brain designed for spreading memes with high fidelity, fecundity, and longevity.


S. 199 f.)
Wir könnten mit Richerson und Boyd (1992) fragen: "Was ist der Haken an der Kultur?" [...]
Dem amerikanischen Autor Richard Brodie (1996) zufolge betätigen Meme, bei denen es um Sex, Essen und Macht geht, wegen der Bedeutung dieser Themen in unserer evolutionären Vergangenheit allesamt wichtige "Schalter".
Und Meme, die Schalter betätigen, sind erfolgreiche Meme.
Anders gesagt: Die genetische Evolution hat Gehirne hervorgebracht, die sich speziell mit Sex, Essen, und Macht beschäftigen, und die Meme, die wir wählen, spiegeln solche genetischen Interessen wider.

p. 138 f.)
We could follow Richerson and Boyd (1992, p. 70) in asking: "What's so wrong with culture?" [...]
According to the American author Richard Brodie (1996), memes that deal with sex, food, and power all press powerful meme "buttons" because of the importance of these topics in our evolutionary past.
And memes that press buttons are successful memes.
Another way of putting it is that genetic evolution has created brains that are especially concerned with sex, food, and power, and the memes we choose reflect those genetic concerns.


S. 205 f.) Der grundsätzliche Unterschied zwischen Männlich-Sein und Weiblich-Sein besteht darin, dass Weibchen Eier und Männchen Spermien produzieren – das ist auch die übliche Definition der Geschlechter bei ganz verschiedenen Arten. Eizellen sind groß und enthalten Nährstoffe für den sich entwickelnden Embryo, daher sind sie kostspielig in der Herstellung, während Spermien winzig und relativ "billig" sind. Aus diesem Grund werden Eizellen in geringeren Mengen produziert und müssen behütet werden, während Spermien großzügig verteilt werden können. Überdies investieren viele Weibchen über das Bereitstellen der Eier hinaus eine Menge in elterliche Fürsorge, und es ist diese elterliche Fürsorge, die wirklich den Unterschied macht, wenn es darum geht, sich für einen Partner zu entscheiden.

p. 142 f.) The basic difference between being male and being female is that females produce the eggs and males the sperm – indeed this is the usual definition of the sexes in widely diverse species. Eggs are large and contain food for the growing embryo, so they are expensive to make, while sperm are tiny and relatively cheap. Eggs are therefore made in smaller quantities and need to be guarded, while sperm can more readily be squandered. In addition, many females also provide a great deal of parental care beyond the provision of an egg, and it is parental care that really makes the difference when it comes to choosing a mate.


S. 211 f.) Schließlich gibt es im Rahmen dieser Argumentation noch eine letzte böse Facette. Frauen möchten sich zweifellos so viel männliches Investment wie nur möglich sichern, sind aber vielleicht nicht in der Lage, gute Gene wie auch eine gute Versorgung bei ein und demselben Mann zu finden. Ein Mann mit guten Genen – beispielsweise groß, stark und intelligent – kommt unter Umständen so leicht an Sex, dass er keine Gedanken an die Aufzucht von Kindern verschwenden muss. Das gilt offensichtlich für Zebrafinken und Schwalben, wo die attraktiveren Männchen, wie sich gezeigt hat, weniger hart arbeiten, um die Jungen großzuziehen, sodass sich die Weibchen entsprechend mehr ins Zeug legen müssen.
Mit der Devise "Aus allem das Beste machen" könnte eine Frau am besten damit fahren, wenn sie sich einen netten, wenn auch unattraktiven Mann angelt und dann hingeht und sich anderswo bessere Gene besorgt. Um es mit Matt Ridleys (1993) Worten zu sagen: "Heirate einen netten Kerl, aber lass' dich auf eine Affäre mit dem Boss ein!"
Wir kennen wahrscheinlich alle derartige Beispiele, aber kann ein solches Verhalten beim modernen Menschen biologisch effektiv sein? Belege, die dafür sprechen, dass dies tatsächlich möglich ist, liefern die kontrovers diskutierten Untersuchungen der britischen Biologen Robin Baker (1996) und Mark Bellis (1994). In einer Übersichtsstudie, an der beinahe 4.000 britische Frauen teilnahmen, fanden sie heraus, dass Frauen mit außerehelichen Affären dazu neigten, häufiger mit ihren Liebhabern zu schlafen, wenn sie ihren Eisprung hatten – und das galt nicht für Sex mit ihren Ehemännern. Überdies hatten sie beim Zusammensein mit ihren Liebhabern mehr spermienspeichernde Orgasmen (d.h., Orgasmen einige Minuten vor bis zu 45 Minuten nach dem Orgasmus des Mannes) als mit ihren Ehemännern. Mit anderen Worten: Wenn sie keine Verhütungsmittel gebrauchten, war die Wahrscheinlichkeit größer, von ihrem Liebhaber schwanger zu werden, obwohl sie seltener mit ihm schliefen.

p. 146 f.) Finally, there is a last wicked twist to the argument. Women certainly want to get as much male investment as possible, but they may not be able to find both good genes and a good provider in the same man. Indeed, a man with good genes – tall, strong, and intelligent, for example – may find it so easy to get sex that he need not bother with putting effort into child care. This is apparently true in zebra finches and swallows where the more attractive males have been shown to work less hard in bringing up the young, leaving the females to work harder. On the "best of both worlds" theory a woman's best bet may be to capture a nice, though unattractive man, who wilt rear her children, and then go and get better genes from elsewhere. As Matt Ridley (1993, p. 216) puts it "marry a nice guy but have an affair with your boss".
We can probably all think of examples, but can such behaviour be biologically effective in modern humans? Evidence that it can comes from controversial research by British biologists Robin Baker (1996) and Mark Bellis (1994). In a survey of nearly four thousand British women they found that women who were having extramarital affairs tended to have sex with their lovers more often when they were ovulating – and this was not true for sex with their husbands. In addition, they had more sperm-retaining orgasms (i.e. orgasms between one minute before and forty-five minutes after the man's) with their lovers than with their husbands.
In other words, if they were not using contraception they might still be more likely to get pregnant by the lover even though they had sex with him less often.



S. 215) Demnach sollten die begehrenswerten Partner diejenigen sein, deren Tätigkeit es erlaubt, die meisten Meme zu verbreiten: z.B. Schriftsteller, Künstler, Journalisten, Rundfunkreporter, Filmstars und Musiker. [...]
Der Biologe Geoffrey Miller vermutet, dass künstlerische Fähigkeiten und Kreativität sexuell selektiert wurden um Frauen anzuziehen (Miller 1998, Mestel 1995), aber er erklärt nicht, warum die sexuelle Selektion diese Merkmale ausgewählt haben sollte. Die Memetik liefert einen Grund: Demnach stellen Kreativität und künstlerisches Arbeiten Möglichkeiten dar, Meme zu kopieren, zu benutzen und zu verbreiten, und zeigen daher einen guten Imitator an. Ich vermute, dass Frauen, wenn sich dies testen ließe, unter ansonsten gleichen Umständen einen guten Memverbreiter einem lediglich reichen Mann vorziehen würden.

p. 148 f.) This suggests that desirable mates should be those whose lives allow them to spread the most memes, such as writers, artists, journalists, broadcasters, film stars, and musicians. [...]
The biologist Geoffrey Miller argues that artistic ability and creativity have been sexually selected as a display to attract women (Miller 1998, Mestel 1995), but he does not explain why sexual selection should have picked on these features. Memetics provides a reason – that creativity and artistic output are ways of copying, using and spreading memes, and hence are signs of being a good imitator. I would predict that if these things could be teased out, women would, other things being equal, prefer a good meme-spreader to just a rich man.


S. 222) Brodie (1996) vermutet, dass es im genetischen Interesse eines jeden Mannes ist, andere Männer davon zu überzeugen, keinen Ehebruch zu begehen, während er sich selbst nicht an diese Maxime hält. Daher verbreiten sich Meme gegen Ehebruch und für Heuchelei gemeinsam.
Schließlich gibt es viele Religionen, die Sex benutzen um sich auszubreiten. Eine Religion, die große Familien propagiert, wird, wenn wir eine vertikale memetische Übermittlung annehmen, mehr Babys produzieren, die dann mit dieser Religion groß werden, als eine, die kleine Familien fördert. Religiöse Meme werden unter diesen Umständen zu einen wichtigen Manipulator des genetischen Erfolgs. Das Tabu der katholischen Kirche gegen Geburtenkontrolle war außerordentlich erfolgreich darin, die Welt mit Millionen von Katholiken zu bevölkern, die ihre Kinder in dem Glauben aufziehen, dass Kondome und Antibabypillen von Übel sind und Gott sich von ihnen so viele Kinder wie nur möglich wünscht.

p. 153) Brodie (1996) suggests that it is in every man's genetic interest to persuade other men not to commit adultery while doing so themselves. Thus both the anti-adultery memes and hypocrisy spread together.
Finally, there are many religions that make use of sex to spread themselves. A religion that promotes large families will, assuming vertical memetic transmission, produce more babies to grow up in that religion than one that promotes small families. Religious memes therefore become an important manipulator of genetic success. Catholicism's taboo against birth control has been extremely effective in rilling the world with millions of Catholics who bring up their children to believe that condoms and the pill are evil, and that God wants them to have as many children as possible.

Copybots: symbolic reference out of nowhere


Susan Blackmore 1999: The Meme Machine


pt 1 & pt 2 & pt 4 & scribd.com

S. 172 f.) Das heißt, Vokalisation ist ein guter Kandidat, um die Verbreitungsrate zu erhöhen und damit den Kampf um den Titel des besseren Replikators zu gewinnen. Wie ließe sich die Wiedergabetreue der akustischen Kopien steigern? Eine naheliegende Strategie besteht darin, die Laute zu digitalisieren. Wie wir gesehen haben, ist digitales Kopieren weitaus präziser als analoges, und Gene haben sich sicherlich die "Werde digital!"-Strategie zu eigen gemacht. Ich vermute, dass Sprache dasselbe getan hat.
Durch Bildung separater Wörter anstelle eines Lautkontinuums wird der Kopierprozess präziser.

p. 120) This means that vocalisation is a good candidate for increasing fecundity and thereby winning the battle to become the better replicator. How, then, could the fidelity of the copies of the sounds be increased? One obvious strategy is to make the sounds digital. As we have seen, digital copying is far more accurate than analogue, and genes have certainly adopted the "get digital" strategy. I suggest that language has done the same.
By making discrete words instead of a continuum of sound, copying becomes more accurate.


S. 174-180)
Ich habe das Aufkommen von Wörtern als Digitalisierungsprozess beschrieben. Das wahre Problem, die Ursprünge von Sprache zu verstehen, sind jedoch nicht so sehr die Wörter, die sich zumindest im Prinzip durch einfaches assoziatives Lernen erlernen lassen, sondern die Grammatik. Grammatik verbessert jedoch ebenfalls die Replikation. Wie viel lässt sich mit einer vorgegebenen Anzahl an Wörtern äußern? Nicht sehr viel, es sei denn, man verfügt über eine Möglichkeit, verschiedene Inhalte auszudrücken, wenn man die Wörter auf verschiedene Weise kombiniert. Durch Voranstellen bzw. Anhängen von Präfixen und Suffixen, durch Wortbeugung und Festlegen der Satzstellung ließe sich die Anzahl der möglichen Äußerungen, die produziert und kopiert werden könnten, deutlich vermehren.
In diesem Sinne kann man Grammatik als neue Möglichkeit zur Erhöhung der "Fruchtbarkeit" (Verbreitungsrate) und der Wiedergabetreue ansehen. Je präziser die Kopien ausfallen, desto effizienter werden sie sein. Und wenn immer mehr Dinge gesagt werden können, können immer mehr Meme geschaffen werden, die den Prozess weiter vorantreiben.
Denken Sie daran, dass alles, was hier vorgeht, Selektion ist, ohne dass es einer bewussten Vorausschau oder eines geplanten Entwurfs seitens der Meme selbst oder der Menschen bedürfte, die sie kopieren. Wir müssen uns lediglich Personengruppen vorstellen, die alle dazu neigen, einander zu kopieren, und sie kopieren einige Laute häufiger als andere. Ob ein bestimmter Laut nun kopiert wird, weil er leicht zu erinnern oder leicht zu produzieren ist, ein angenehmes Gefühl vermittelt oder nützliche Information liefert, spielt dabei weniger eine Rolle als das allgemeine Prinzip: Wenn eine Menge Laute darum konkurrieren, kopiert zu werden, dann werden diejenigen die erfolgreichen sein, die sich durch hohe Wiedergabetreue, hohe Fruchtbarkeit und Langlebigkeit auszeichnen.
Das ist der Selektionsdruck, der die grammatikalische Sprache geschaffen hat.
Die Entwicklung von Sprache war daher ein Evolutionsprozess wie jeder andere und schuf scheinbar aus dem Nichts eine komplexe Struktur.
Die frühen Produkte des menschlichen Lautkopierens veränderten die Umwelt der memetischen Selektion, so dass komplexere Laute eine Nische finden konnten. Genauso wie vielzellige Organismen erst entstehen konnten, als Einzeller bereits häufig waren. Genauso wie Tiere erst entstehen konnten, als Pflanzen bereits Sauerstoff produzierten. Genauso wie große Räuber erst entstehen konnten, als es genügend kleinere Pflanzenfresser gab. Genauso konnten komplexe Äußerungen mit grammatikalischen Strukturen erst entstehen, als simplere bereits häufig waren. Demnach wäre eine Sprache mit vielen Wörtern und gut definierten Strukturen das natürliche Resultat der memetischen Selektion.

Der nächste Schritt besteht darin zu verstehen, wie die Sprache das menschliche Gehirn und den Stimmapparat in den Dienst ihrer eigenen Verbreitung stellen konnte. Das ist wieder Mem-Gen-Koevolution und funktioniert etwa so: Ich nehme an, dass Leute sowohl diejenigen mit den besten Memen – in diesem Fall der besten Sprache – bevorzugt kopieren, als sich auch bevorzugt mit ihnen paaren. Diese Leute geben dann genetisch weiter, was auch immer ihr Gehirn in die Lage versetzt, diese besonders erfolgreichen Laute besonders gut zu kopieren. Auf diese Weise verbesserte das Gehirn ständig seine Fähigkeiten, genau diese Laute zu produzieren.
Grammatikalische Sprache ist nicht das direkte Ergebnis irgendeiner biologischen Notwendigkeit, sondern eine Folge der Art und Weise, in der Meme die Umwelt der genetischen Selektion veränderten, indem sie ihre eigene Wiedergabetreue, Fruchtbarkeit und Langlebigkeit erhöhten.
Beachten Sie, dass dieser ganze Prozess selbsterhaltend ist. Sobald die Sprachentwicklung einmal begonnen hat, werden sich sowohl die Sprache selbst als auch das Gehirn, das sie produziert, unter dem gemeinsamen Druck der memetischen und der genetischen Selektion weiterentwickeln. Das ist nicht die einzige Theorie, die Sprache als "ihren eigenen primären Antrieb" oder als selbsterhaltenden Prozess betrachtet, aber andere Theorien haben Schwierigkeiten zu erklären, wie alles angefangen hat oder warum es so und nicht anders ist. So musste Deacon z.B. einen Grund finden, warum die "symbolische Schwelle" überhaupt überschritten wurde. Bei der memetischen Theorie des Sprachursprungs tritt dieses Problem nicht auf. Der kritische Schritt war der Beginn der Imitation, und es ist keineswegs rätselhaft, warum die natürliche Selektion Imitation gefördert haben sollte. Es ist ein naheliegender, wenn auch schwer zu findender "guter Trick" und dazu einer, dessen Auftreten bei einer Art, die bereits über ein gutes Gedächtnis und Fertigkeiten zum Problemlösen, gegenseitigen Altruismus, Machiavellische Intelligenz und ein komplexes Sozialverhalten verfügt, besonders wahrscheinlich ist. Einmal gefunden, setzte er die Evolution eines neuen Replikators und dessen Koevolution mit dem alten in Gang.
[...] Ich vermutet, dass die gesprochene Sprache eine fast unausweichliche Konsequenz der memetischen Selektion ist. Erstens sind Laute gute Kandidaten für eine sehr fruchtbare Weitergabe von Verhalten. Zweitens sind Worte eine naheliegende Möglichkeit, den Prozess zu digitalisieren und so seine Wiedergabetreue zu erhöhen. Drittens ist Grammatik ein Folgeschritt, um Wiedergabetreue und Verbreitungsrate nochmals zu erhöhen, und all das hilft sich zu erinnern und fördert damit die Langlebigkeit von Memen. Als der zweite Replikator erst einmal entstanden war, ergab sich Sprache mehr oder minder zwangsläufig.

[...] Die Mem-Gen-Koevolution geht davon aus, dass sich die Menschen bevorzugt mit den besten Memverbreitern gepaart haben, in diesem Fall mit denen, die sich am besten ausdrücken konnten. Wir sollten daran denken, dass die vorangegangene Selektion auf "gute Redner" hin den größten Teil der ursprünglichen Variationsmasse aufgebraucht haben könnte, so dass sich die meisten von uns "Übriggebliebenen" heute recht gut ausdrücken können. Die ursprüngliche Bevorzugung guter Redner existiert jedoch vielleicht noch immer, so dass große Beredsamkeit eine Person sexuell attraktiv macht. Der Erfolg von Liebesgedichten und Liebesliedern spricht dafür, ebenso das Sexualverhalten von Politikern, Schriftstellern und Fernsehstars. (Miller 1993)
Wenn die Theorie richtig ist, dann sollte sich an unserer Grammatik ablesen lassen, dass sie dazu entworfen wurde, Meme mit hoher Fruchtbarkeit, Wiedergabetreue und Langlebigkeit weiterzugeben, statt Information über ein bestimmtes Thema zu übermitteln, wie Jagd, Nahrungssuche oder die symbolische Repräsentation sozialer Kontrakte. Das ist das memetische Äquivalent zum adaptionistischen Denken in der Biologie, und man könnte mich für die Annahme kritisieren, die memetische Evolution müsse immer die beste Lösung gefunden haben und das Ganze als eine Art Zirkelschluss bezeichnen. Doch adaptionistisches Denken ist in der Biologie bisher außerordentlich erfolgreich gewesen, und das könnte analog auch für die Memetik gelten. [...]
Wright (1998) hat sich der Memetik bedient, um die Übertragung chemischer Begriffe wie "Säure", "Alkohol" oder die Namen verschiedener Elemente ins Chinesische zu untersuchen, und gezeigt, dass alternative Begriffe einen intensiven Konkurrenzkampf ums Überleben durchliefen. Der Ausgang des Wettstreits hing sowohl von Eigenschaften der Begriffe selbst als auch von den zu diesem Zeitpunkt bereits existierenden Memprodukten ab. [...]
Und schließlich sollten wir voraussagen können, wie künstliche Sprachen entstehen. Es hat viele Versuche gegeben, Roboter oder virtuelle Roboter zum Sprechen zu bringen. Gewöhnlich beginnt man damit, den künstlichen Systemen eine Menge über natürliche Sprache beizubringen, oder man bringt sie dazu, zwischen Lauten und Objekten Assoziationen herzustellen.
Die Theorie, die ich vorgeschlagen habe, legt einen völlig anderen Ansatz nahe, der ohne Vorwissen über irgendeine bereits existierende Sprache und ohne das Konzept der symbolischen Referenz auskommt.
Stellen wir uns eine Gruppe einfacher Roboter vor, die in einer relativ interessanten und sich verändernden Umwelt herumspazieren. Wie können sie Kopiboter nennen. Jeder Kopiboter verfügt über ein sensorisches System, über ein weiteres System, mit dem er verschiedene Laute hervorbringen kann (vielleicht in Abhängigkeit von seiner Position im Raum oder von irgendeinem Aspekt seines sensorischen Inputs) und über einen Gedächtnisspeicher für die Laute, die er hört. Und, was am wichtigsten ist, er kann die Laute, die er hört, imitieren, wenn auch nicht perfekt. Nun stellen Sie sich vor, dass alle Roboter beginnen, quietschend und piepsend herumzuwandern, um das Gequietsche und Gepiepse der anderen zu kopieren.
Die Umwelt wird sich bald mit Geräuschen füllen, und die Kopiboter werden nicht in der Lage sein, jeden Laut, den sie hören, zu kopieren. Je nachdem, wie ihr Wahrnehmungs- und ihr Imitationssystem arbeiten, werden sie zwangsläufig einige Laute ignorieren und andere imitieren. Damit ist alles zum Start des Evolutionsalgorithmus bereit, denn es gibt Vererbung, Variation und Selektion, und die Laute (oder die gespeicherten Anweisungen zur Produktion dieser Laute) sind der Replikator.

Was wird nun passieren?
Wird es nur zu einer fürchterlichen Kakophonie kommen oder wird sich etwas Interessantes ergeben?
Wenn meine Theorie richtig ist, dann weisen einige Laute eine höhere Wiedergabetreue, höhere Fruchtbarkeit und größere Langlebigkeit auf (abhängig von den Merkmalen der Kopiboter). Diese sollten immer genauer kopiert werden, und schließlich müssten Muster aufzutauchen beginnen. Einige Laute würden in Abhängigkeit von Umweltereignissen und Position der Kopiboter häufiger auftreten als andere. Ich denke, so etwas könnte man Sprache nennen. Wenn das der Fall ist, dann wäre es etwas anderes als jede Sprache, die zur Zeit von irgendeinem natürlichen oder künstlichen System benutzt wird.
Sollte ein derartiges Experiment funktionieren, würden sich daraus interessante Fragen ergeben.
Kommunizieren die Kopiboter tatsächliche miteinander? Reden sie über irgendetwas?
Wenn das so wäre, dann wäre aus dem einfachen Ausstatten der Roboter mit der Fähigkeit zur Imitation symbolische Referenz entstanden. Mit anderen Worten, die Fähigkeit zur Imitation ist fundamental, nicht die Fähigkeit zur symbolischen Referenz. Das ist genau das, was ich erwarten würde. Die entscheidende Frage ist: Könnten wir die Kopiboter jemals verstehen?

p. 121-125)
I have described the appearance of words as a process of digitising. The real problem for understanding language origins is not so much the words, which at least in principle can be learned by simple associative learning, but the grammar. However, grammar also improves replication. How many things can you say with a given set of words? Not very many, unless you have some way of specifying different meanings if you combine the words in different ways. Adding prefixes and suffixes, inflecting them in different ways, and specifying word, order would all increase the number of possible separate utterances that could be produced and copied. In this sense, grammar might be seen as a new way of increasing fecundity as well as fidelity. The more precisely the copies are made, the more effective they will be. Then, as more and more possible things can be said, more memes can be created to continue driving the process.
Remember that all that is going on here is selection, with no need for conscious foresight or deliberate design on the part of either the memes themselves or the people who are copying them. We need only imagine groups of people who all tend to copy each other, and they copy some sounds more than others. Whether a particular sound is copied because it is easy to remember, easy to produce, conveys a pleasant emotion, or provides useful information, does not matter as much as the general principle, that when lots of sounds are in competition to get copied, the successful ones will be those of high fidelity, high fecundity, and longevity.
This is the selection pressure that produced grammatical language.
The development of language was thus an evolutionary process like any other, creating complex design apparently out of nowhere.
The early products of human sound copying changed the environment of memetic selection so that more complex sounds could find a niche. Just as multicellular organisms could arise only when single cells were already common, just as animals could appear only when plants were already producing oxygen, just as large predators could evolve only when there was plenty of small game about, so complex grammatically structured utterances could appear only when simpler ones were already common. A language with lots of words and well-defined structures would seem to be the natural result of memetic selection.

The next step is to understand how language itself was able to restructure the human brain and vocal system for its own propagation. This is meme-gene coevolution again and works as follows. I have assumed that people will both preferentially copy and preferentially mate with the people with the best memes – in this case the best language. These people then pass on genetically whatever it was about their brains that made them good at copying these particularly successful sounds. In this way, brains gradually become better and better able to make just these sounds. Grammatical language is not the direct result of any biological necessity, but of the way the memes changed the environment of genetic selection by increasing their own fidelity, fecundity, and longevity.
Note that this whole process is self-sustaining. Once language evolution begins, both the language itself and the brain on which it runs will continue to evolve under the combined pressure of memetic and genetic selection. This is not the only theory to treat language as "its own prime mover", or as a self-sustaining process, but others have trouble with explaining how it ever began or why it takes the form it does. Deacon, for example, had to find a reason for crossing the "symbolic threshold" in the first place. There is no such problem with the memetic theory of language origins. The critical step was the beginning of imitation – and there is no mystery about why natural selection would have favoured imitation. It is an obvious, if difficult to find, "good trick", and one that is especially likely to arise in a species that already has good memory and problem-solving skills, reciprocal altruism. Machiavellian Intelligence and a complex social life. Once found, it sets in motion the evolution of a new replicator and its coevolution with the old.
[...] I am suggesting that verbal language is almost an inevitable consequence of memetic selection. First, sounds are a good candidate for high-fecundity transmission of behaviour. Second, words are an obvious way to digitise the process and so increase its fidelity. Third, grammar is a next step for increasing fidelity and fecundity yet again, and all of these will aid memorability and hence longevity.
Once the second replicator arose, language was more or less inevitable.

[...] Meme-gene coevolution assumes that people preferentially mated with the best meme-spreaders, in this case the most articulate people. We should remember that past selection for "good talkers" may have used up most of the original variation, leaving most of us fairly articulate today. However, the preference may still be there, so that being highly articulate makes you sexually attractive. The history of love poems and love songs suggests as much, as does the sexual behaviour of politicians, writers and television stars. (Miller 1993)
If the theory is right then human grammar should show signs of having been designed for transmitting memes with high fecundity, fidelity, and longevity, rather than to convey information about some particular topic such as hunting, foraging or the symbolic representation of social contracts. This is the memetic equivalent of adaptationist thinking in biology and I might be criticised for assuming that memetic evolution must always have found the best solution and for a kind of circular reasoning. Nevertheless, adaptationist thinking has been extremely effective in biology and may prove so in memetics. [...]
Wright (1998) has used memetics to study the translation of chemical terms such as acid, alcohol, or various elements, into Chinese, showing that alternative terms underwent intense competition for survival, with the winners depending both on properties of the terms themselves and on the meme products already in existence at the time. [...]
Finally, we should be able to predict how artificial languages could arise. There have been many attempts to get robots, or virtual robots, to use language. These usually begin by teaching the artificial systems a lot about natural languages, or by getting them to make associations between sounds and objects.
The theory I have proposed suggests an entirely different approach that assumes no knowledge of any prior language, and no concept of symbolic reference.
Let's imagine a group of simple robots, ambling about in some kind of relatively interesting and changing environment. We can call them copybots. Each copybot has a sensory system, a system for making variable sounds (perhaps dependent on its own position or some aspect of its sensory input), and a memory for the sounds it hears. Most importantly, it can imitate (though imperfectly) the sounds it hears. Now, imagine that all the copybots start roaming around squeaking and bleeping, and copying each other's squeaks and bleeps.
The environment will soon become full of noise and the copybots will be unable to copy every sound they hear. Depending on how their perception and imitation systems work, they will inevitably ignore some sounds and imitate others. Everything is then in place for the evolutionary algorithm to run – there is heredity, variation, and selection – the sounds (or the stored instructions for making the sounds) are the replicator.

What will happen now?
Will there just be an awful cacophony, or will something interesting emerge?
If the theory is correct then some sounds will have higher fidelity, longevity, and fecundity (depending on characteristics of the copybots) and these should be copied more and more accurately, and patterns begin to appear. Some sounds would be made more often, depending on events in the environment and the positions of the copybots themselves. I think this could be called language. If so, it would not be the same as any language currently used by any natural or artificial systems.
If this worked, interesting questions would arise.
Are the copybots really communicating? Are they talking about something?
If so, symbolic reference would have arisen out of simply providing the robots with the capacity to imitate. In other words, the capacity to imitate is fundamental, not the capacity for symbolic reference. That is exactly what I would expect. The final question is, could we ever understand them?


S. 184 ff.)
Mem-Mem-Interaktionen sind der Stoff, aus dem die heutige Gesellschaft ist, sei es Religion oder Politik, Sex oder Big Business, globale Ökonomie oder Internet. [...] Die Meme waren ursprünglich die Sklaven der Gene, aber Sklaven zeigen, wie er betont, eine wohlbekannte Neigung zur Unabhängigkeit, und nun könnten unsere Meme alles vom hilfreichen Mutualisten zum zerstörerischen Parasiten sein. Und Dawkins ist bekannt dafür, dass er Religionen als Parasiten des Geistes ansieht.
All das wirft die Frage auf, ob die Meme Freunde oder Feinde der Gene sind.
Die Antwort lautet natürlich "beides". Aber um Mem-Gen-Interaktionen auseinander zu dividieren, möchte ich sie in zwei Kategorien einteilen: diejenigen, in der die Gene die Evolution der Meme antreiben, und diejenigen, in der die Meme die Evolution der Gene antreiben. Das ist in vielerlei Hinsicht eine zu starke Vereinfachung. Man kann sich Fälle vorstellen, in denen sich beide helfen und kein echtes Antreiben stattfindet, aber häufiger, so vermute ich, existiert zumindest ein gewisses Ungleichgewicht und der eine oder der andere Replikator dominiert.
Der Grund für diese grobe Unterscheidung ist folgender: Wenn die Gene die Triebfeder sind (und der Hund sicher an der Leine geführt wird), erhalten wir all die bekannten Ergebnisse der Soziobiologie und der Evolutionspsychologie. Die Interessen der Gene haben Vorrang, und Leute verhalten sich in einer Weise, die ihnen auf die eine oder andere Art einen biologischen Vorteil verschafft (oder ihren Vorfahren verschafft haben würde). Männer werden sexuell von Frauen angezogen, die fruchtbar wirken. Frauen werden von starken Männern in hohen Positionen angezogen. Wir mögen Süßigkeiten und verabscheuen Schlangen usw. Diese Effekte spielen in unserem Leben eine machtvolle Rolle, und wir sollten sie nicht unterschätzen, aber sie gehören in den Bereich von Biologie, Ethologie, Soziobiologie und Evolutionspsychologie – nicht in die Memetik.
Wenn die Meme die Triebfeder sind (und der Hund das Ruder übernommen hat), verlagert sich die Macht in Richtung auf das Interesse der Meme, und die Ergebnisse sehen ganz anders aus. Diese Resultate lassen sich nicht auf der Basis des biologischen Vorteils allein vorhersagen und sind deshalb für die Memetik von entscheidender Bedeutung. Sie sind es, die die memetische Theorie von allen anderen unterscheiden, und sie bilden daher wahrscheinlich das wichtigste Testfeld für den Wert und die Macht der Memetik als Wissenschaft.

p. 128 f.)
Meme-meme interactions are the stuff of today's society: of religion, politics, and sex, of big business, the global economy, and the Internet. [...] The memes were originally the slaves of the genes but, as he says, slaves have a well-known bent towards independence and now our memes may be anything from helpful mutualists to destructive parasites. And Dawkins famously treats religions as viruses of the mind.
All this raises the question of whether the memes are the friends of the genes or their enemies.
The answer is, of course, both. But for the sake of sorting out meme-gene interactions I want to divide the interactions into two categories: those in which the genes drive the memes and those in which the memes drive the genes. This is an oversimplification in many ways. You can imagine cases in which the two help each other equally and no driving really takes place, but more commonly, I suggest, there is at least some imbalance and one replicator or the other predominates.
The reason for this crude distinction is this. When the genes are doing the driving (and the dog is safely on its leash) we have all the familiar results of sociobiology and evolutionary psychology. The interests of the genes predominate and people behave in ways which, somehow or other, give them (or would have given their ancestors) a biological advantage. Men are sexually attracted to women who appear to be fertile.
Women are attracted to strong, high-status men. We like sweet foods and dislike snakes etc. These effects are very powerful in our lives, and we should not underestimate them, but they are the stuff of biology, ethology, sociobiology and evolutionary psychology – not memetics.
When the memes are doing the driving (and the dog is in charge) power shirts towards the interests of the memes and the results are rather different. These are results that cannot be predicted on the basis of biological advantage alone, and they are therefore critical for memetics. They are what distinguishes memetic theories from all others and are likely, therefore, to be a major testing ground of the value and power of memetics as a science.


S. 187) Wie aktuelle Forschungsarbeiten zeigen, beginnen Babys bereits sehr früh, Gesichtsausdrücke und Gesten zu imitieren, ob sie nun dafür belohnt werden oder nicht. Babys vermögen Gesichtsausdrücke, die sie sehen, und Laute, die sie hören, bereits in einem Alter zu imitieren, wenn sie etwas Derartiges weder durch Übung noch durch Schauen in den Spiegel gelernt haben können (Meltzoff 1990). Etwas erfolgreich zu imitieren, ist offenbar in sich Belohnung genug. Wir erkennen nun, was die Behavioristen noch nicht sehen konnten, warum nämlich so viel von unserem Verhalten instinktiv sein muss: Die Welt ist zu kompliziert, um in ihr zurecht zu kommen, wenn wir alles von Grund auf neu lernen müssen. Tatsächlich kann auch Lernen selbst nicht ohne "vorgefertigte" Fähigkeiten in Gang kommen. Wir Menschen haben mehr Instinkte als andere Arten, nicht weniger. Um es mit Steven Pinkers Worten zu sagen: "Geistige Komplexität ist keine Folge von Lernen, sondern Lernen ist eine Folge geistiger Komplexität." (1994)

p. 130) Recent research shows that babies begin to imitate facial expressions and gestures from an early age whether they are rewarded or not. Babies are able to mimic facial expressions they see and sounds they hear when they are too young to have learned by practice or by looking in mirrors (Meltzoff 1990). Successfully imitating something seems to be rewarding in itself. We can see now, as the behaviourists could not, why so much of our behaviour has to be instinctive. The world is too complicated to cope with if we have to learn everything from scratch. Indeed, learning itself cannot get off the ground without inbuilt competencies. We humans have more instincts than other species, not fewer. As Steven Pinker puts it "complexity in the mind is not caused by learning; learning is caused by complexity in the mind." (1994, p. 125)

Corpuscles of Culture



Susan Blackmore 1999: The Meme Machine


pt 1 & pt 3 & pt 4 & scribd.com

S. 68 f.)
Im Jahre 1975, kurz bevor Dawkins die Memtheorie vorschlug, schrieb der amerikanische Anthropologe F.T. Cloak über kulturelle Instruktionen. [...] Cloak vermutet, dass Kultur in kleinen, unverbundenen Schnipseln erworben wird, die er "Kulturkörperchen" oder "kulturelle Instruktionen" nennt.
Weiterhin unterscheidet er sehr sorgfältig zwischen den Instruktionen im Kopf der Menschen und dem Verhalten, der Technologie oder der sozialen Organisation, die diese Instruktionen hervorrufen. Ersteres bezeichnet er als "i-Kultur", letzteres als "m-Kultur". Wenn er auch kein Replikatorkonzept verwendet, so arbeitet er den Status der kulturellen Instruktionen doch sehr klar heraus. Er betont, dass die Funktion der i- wie der m-Kultur letztlich im Erhalt und in der Weiterverbreitung der i-Kultur besteht. Daher, so seine Schlussfolgerung, sollte es uns nicht überraschen, einige Merkmale in der m-Kultur zu finden, die Funktionen ausüben, welche für den Organismus, der sie ausübt, irrelevant oder sogar schädlich sind. Er vergleicht kulturelle Instruktionen mit Parasiten, die das Verhaltens ihres Wirtes in Teilbereichen kontrollieren – ein wenig wie ein Grippevirus, das Sie zum Niesen bringt um sich weiter zu verbreiten. Er zieht den Schluss:

"Kurz gesagt, 'unsere' kulturellen Instruktionen arbeiten nicht für uns Organismen, wir arbeiten für sie. Bestenfalls leben wir in Symbiose mit ihnen, wie mit unseren Genen.
Schlimmstenfalls sind wir ihre Sklaven." (Cloak 1975)

Ganz offensichtlich hat Cloak erkannt, welche Folgen die Existenz eines zweiten egoistischen Replikators hat – selbst wenn andere später argumentierten, kulturelle Instruktionen seien überhaupt keine Replikatoren. (Alexander 1979)
In seinem Buch "Das Egoistische Gen" erwähnt Dawkins Cloak und fügt hinzu, er wolle in die von Cloak und anderen eingeschlagene Richtung weitergehen. Doch Dawkins wirft die Verhaltensweisen und die Instruktionen, die sie hervorrufen, zusammen und nennt alles Meme, während Cloak beides trennt – eine Trennung, die in gewisser Weise der Trennung zwischen dem Genotyp und dem Phänotyp in der Biologie analog ist.
Später trifft Dawkins (1982) dieselbe Unterscheidung wie Cloak und definiert ein Mem als "Informationseinheit, die in einem Gehirn wohnt".

p. 49 f.)
In 1975, just before Dawkins proposed the idea of memes, the American anthropologist F. T. Cloak wrote about cultural instructions. [...] Cloak suggested that culture is acquired in tiny, unrelated snippets that he called "corpuscles of culture" or "cultural instructions".
Furthermore, he distinguished very carefully between the instructions in people's heads and the behaviour, technology or social organisation that those instructions produce.
The former he called the "i-culture" and the latter the "m-culture".
He was absolutely clear about the status of cultural instructions, even though he did not use the replicator concept. He said that the ultimate function of both i-culture and m-culture is the maintenance and propagation of the i-culture. Therefore, he concluded, we should not be surprised to find some m-culture features that perform functions that are irrelevant, or even destructive, to the organisms who make or do them.
He compared cultural instructions to parasites that control some of their host's behaviour – a bit like a flu virus that makes you sneeze to get itself propagated.
He concluded:

"In short, 'our' cultural instructions don't work for us organisms, we work for them.
At best, we are in symbiosis with them, as we are with our genes. At worst, we are their slaves." (Cloak 1975, p. 172)

Quite clearly. Cloak had seen the implications of having a second selfish replicator – even though others subsequently argued that cultural instructions are not replicators at all. (Alexander 1979)
In The Selfish Gene, Dawkins mentions Cloak, saying that he wants to go further in directions being explored by Cloak and others. However, Dawkins lumps together both the behaviours and the instructions that produce them, and calls them all memes, while Cloak separates the two – a distinction that is somewhat analogous to the distinction between the genotype and the phenotype in biology. Later, Dawkins (1982) makes the same distinction as Cloak and defines a meme as "a unit of information residing in a brain".


S. 72) Konzept der "kulturellen Fitness" – Überlebenstüchtigkeit eines kulturellen Merkmals
p. 52) concept of "cultural fitness" – the fitness for survival of a cultural trait itself


S. 100 f.) Vor vielen Jahren fragte Jacob Bronowski beispielsweise, warum wir soziale Veränderung nicht besser verstehen, und beklagte, dass wir nicht in der Lage sind, die relevante Einheit festzulegen. (Hull 1982)
Ich habe mitbekommen, wie Leute die ganze Vorstellung der Memetik beiseite geschoben haben, weil "man nicht einmal sagen kann, was die Grundeinheit eines Mems ist." Nun, das stimmt, ich kann es nicht. Und ich denke auch nicht, dass es nötig ist. Ein Replikator muss nicht ordentlich verpackt in fertig etikettierten Funktionseinheiten auftreten. Da Gene unser vertrautestes Beispiel sind, sollten wir sie bei diesem Thema zum Vergleich heranziehen.

p. 71) For example, many years ago Jacob Bronowski wondered why we do not have a better understanding of social change and blamed our not being able to pin down the relevant units. (Hull 1982) I have heard people dismiss the whole idea of memetics on the grounds that "you can't even say what the unit of a meme is". Well that is true, I cannot. And I do not think it is necessary. A replicator does not have to come neatly parcelled up in ready-labelled units. Since genes are our most familiar example we should look at the same issue for them.


S. 107)
Effiziente Meme sind diejenigen, die zu einem langanhaltenden Gedächtniseintrag von hoher Wiedergabegenauigkeit führen. Meme breiten sich vielleicht deshalb erfolgreich aus, weil sie einprägsam sind, und nicht etwa, weil sie wichtig oder nützlich sind. [...]
Eine wichtige Aufgabe der Memetik wird sein, die Psychologie des Gedächtnisses mit einem Verständnis der memetischen Selektion zu verbinden. [...]
Was macht also einen Replikator mit hoher Wiedergabequalität aus? Dawkins (1976) fasst es in drei Worten zusammen: Wiedergabetreue, Fruchtbarkeit und Langlebigkeit. D.h., ein Replikator muss präzise kopiert werden, es müssen viele Kopien gemacht werden, und die Kopien müssen lange Zeit überdauern – wenn auch eine dieser Qualitäten zu Lasten der anderen gehen kann.

p. 75 f.)
Effective memes will be those that cause high fidelity, long-lasting memory. Memes may be successful at spreading largely because they are memorable rather than because they are important or useful. [...]
An important task of memetics will be to integrate the psychology of memory with an understanding of memetic selection. [...]
What, then, makes for a good quality replicator? Dawkins (1976) sums it up in three words – fidelity, fecundity, and longevity. This means that a replicator has to be copied accurately, many copies must be made, and the copies must last a long time – although there may be trade-offs between the three.


S. 140 f.) Die Art und Weise, wie Meme den Prozess der sexuellen Selektion für sich ausnutzen können, ist einzigartig. Was immer gerade "in" ist, kann sich so schnell ändern, wie sich die Meme verändern, und das ist viel schneller, als die Gene längere Schwanzschleppen oder ein Talent zum Bauen fantastisch geschmückter Lauben produzieren können. [...] Die Selektionsdrücke, die auf die Gene wirken, verändern sich nun im Schlepptau von Veränderungen der Meme. Der Prozess der sexuellen Zuchtwahl ist genau derselbe wie in Beispielen für die biologische Evolution, aber mit dem zusätzlichen Dreh, dass sich die Faktoren, auf die hin selektiert wird, mit der Geschwindigkeit der memetischen Evolution ausbreiten können.

p. 97 f.) The way memes can exploit the process of sexual selection is unique. Whatever is deemed "in" can change as fast as the memes change – and that is much faster than genes can produce longer tails or an innate ability to build a fancy nest. [...] The selection pressures on the genes now change in the wake of changes in the memes. The process of sexual selection is exactly the same as it is in examples of biological evolution, but with the added twist that the things being selected for can spread at the speed of memetic evolution.


S. 147 f.)
Schweigen ist wie ein wunderbar gejätetes Blumenbeet, das auf Ihre Lieblingspflanzen wartet, und es bleibt nicht sehr lange so. Eine schweigende Person stellt eine ideale Kopiermaschine dar, die nur darauf wartet, in Gang gesetzt zu werden. Ihr Gehirn ist voll von Ideen, Erinnerungen und Gedanken, die geteilt, und Handlungen, die ausgeführt werden können. Die soziale Welt ist voll von neuen Memen, zur Verbreitung geschaffen und darum wetteifernd, von Ihnen aufgegriffen und weitergegeben zu werden. Aber Sie können unmöglich alle Meme aussprechen. Daher tobt ein heftiger Wettstreit darum, welches Mem sich Ihrer Stimme bedienen darf – nicht weniger heftig als der Wettstreit in Ihrem Garten um einen Platz zum Wachsen. Den Mund zu halten ist ebenso harte Arbeit wie Jäten.
Welche Meme werden den Wettstreit um Ihre Stimme gewinnen?
Vielleicht hilft es, wenn wir wieder unsere bekannte Frage stellen. Stellen Sie sich eine Welt voller Memwirte vor, in der es weitaus mehr Meme gibt, als unterkommen können. Nun fragen Sie sich: welche Meme werden mit größerer Wahrscheinlichkeit einen sicheren Unterschlupf finden und weitergegeben werden?

Gewisse Meme lassen sich besonders leicht aussprechen oder zwingen ihre Wirte beinahe dazu wie weiterzugeben. Dazu gehören saftige Skandale, Schreckensnachrichten, tröstliche Gedanken und nützliche Instruktionen aller Art. Bei einigen davon hat dieser "Verbreite mich"-Effekt gute biologische und psychologische Gründe. Vielleicht sprechen sie das Bedürfnis nach Sex, nach sozialem Zusammenhalt, nach freudiger Erregung oder Sicherheit an. Vielleicht geben Leute sie weiter um sich anzupassen, sich beliebter zu machen oder sich an der Überraschung oder dem Gelächter des Gegenübers zu freuen. Vielleicht ist die Information für den anderen auch wirklich nützlich. Wir können all diese Gründe zweifellos untersuchen (und genau das tun Psychologen auch), aber für die memetische Argumentation, die ich verfolgen will, spielen sie keine Rolle. Der Punkt, auf den es ankommt, ist, dass Sie das, was Sie über die Gesundheit der Rosen Ihrer Nachbarin gehört haben, mit geringerer Wahrscheinlichkeit weitererzählen werden als den Klatsch darüber, was Ihre Nachbarin hinter diesen Rosen treibt. Solche "Sag' mich"-Meme werden sich daher besser verbreiten als andere Meme, und viele Leute werden von ihnen angesteckt werden. [...] Nur wenige Meme erreichen solche Durchschlagskraft, doch das Prinzip ist allgemein gültig.

p. 102 f.)
Silence is like a beautifully weeded flowerbed, just waiting for your favourite plants, and it does not stay that way for long. A silent person is an idle copying machine waiting to be exploited. Your brain is full of ideas, memories, thoughts to be shared, and actions to be carried out. The social world is full of new memes being created, spread about, and competing to be taken up by you and passed on again. But you cannot possibly speak them all. Competition to take charge of your voice is strong – just as competition to grow in the garden is strong. Keeping silence is as hard work as weeding.
So which memes will win in this competition to take over your voice?
It may help to ask again our familiar question – imagine a world full of brains, and far more memes than can possibly find homes. Which memes are more likely to find a safe home and get passed on again?

Certain memes are particularly easy to say, or almost force their hosts to pass them on. These include bits of juicy scandal, terrifying news, comforting ideas of various sorts, or useful instructions. Some of these have their "spread me" effect for good biological and psychological reasons. Perhaps they tap into needs for sex, social cohesion, excitement, or avoiding danger. Perhaps people pass them on in order to conform, to be better liked, to enjoy the other person's surprise or laughter. Perhaps the information will be genuinely useful to the other person. We can certainly study all these reasons (and indeed psychologists do just that) but for the memetic argument I am proposing here it does not matter what they are. The point is you are less likely to want to pass on some boring thing you heard about the health of your neighbour's rose bushes than a rumour about what your neighbour was doing behind them. Such "say me" memes will therefore spread better than other memes and many people will get infected with them. [...] Few memes can claim anything like this power, but the principle is quite general.


S. 160 f.)
Seltsamerweise sind die beiden Hauptgegner eines traditionellen darwinistischen Zugangs zum Sprachursprung der wohl bekannteste Evolutionstheoretiker, Stephen Jay Gould, und der weltweit bekannteste Linguist, Noam Chomsky. [...] Nach Chomsky verfügen wir über angeborene Sprachstrukturen, aber wir sind nicht durch natürliche Auslese an diesen Punkt gelangt. [...] Nach seiner Ansicht gab es keinen Selektionsdruck, der auf die Sprache selbst wirkte.
S. 165 f.)
Der Harvarder Neurowissenschaftler Terrence Deacon nennt Menschen "die symbolische Art". Seiner Meinung nach lieferte "symbolische Referenz" den einzigen denkbaren Selektionsdruck für die Evolution des Hominidengehirns – unter symbolischer Referenz versteht er den Gebrauch von willkürlich gewählten Symbolen, die als Stellvertreter für etwas anderes dienen. Die symbolische Kommunikation erleichterte die Mutter-Kind-Kommunikation, die Weitergabe von Tricks bei der Nahrungssuche, die Manipulation von Konkurrenten, gemeinsame Kriegsführung und Verteidigung, die Weitergabe von Fertigkeiten zur Werkzeugherstellung und das Teilen gemeinsamer Erfahrungen. "Es stehen zu viele interessante Optionen zur Auswahl," meint er, aber sie konnten erst ins Spiel kommen, nachdem die "symbolische Schwelle" überschritten worden war. Sobald echte symbolische Kommunikation erst einmal möglich geworden war, argumentiert er, hätten einfachere Sprachen (die heute ausgestorben sind) einen Selektionsdruck für größere und bessere Gehirne geschaffen, die diese Sprachen verstehen und erweitern konnten, was schließlich zu unserem modernen Sprachtypus führt. Aber wir mussten erst einmal die "symbolische Schwelle" überschreiten.

Wie und warum geschah das? Wegen der Ehe, meint er.
Nach Deacons Ansicht konnten frühe Hominiden nur dadurch Vorteile aus einer auf Jagd und Sammeln beruhenden Substistenzstrategie ziehen, wenn sie in der Lage waren, ihre reproduktiven Beziehungen mit Hilfe von Symbolen zu regeln.

Eine symbolische Kultur war die Antwort auf ein reproduktives Problem, das nur Symbole lösen konnten: der Imperativ, einen sozialen Kontrakt zu repräsentieren.

Nach dieser Theorie entstand die symbolische Kommunikation, weil sie nötig war um eheliche Beziehungen zu regeln, und sie wurde dann wegen der zahllosen Vorteile, die sie für andere Formen der Kommunikation bot, allmählich verbessert.

p. 111 f.)
Oddly enough, the two major opponents of a traditional Darwinian approach to language origins are one of the world's most famous evolutionary theorists, Stephen Jay Gould, and the world's best-known linguist, Noam Chomsky. [...] According to Chomsky, we do have innate language structures, but they have not got there by natural selection. [...] On this view there were no selection pressures for language itself.
p. 115 f.)
The Harvard neuroscientist Terrence Deacon proclaims humans "the symbolic species". He argues that symbolic reference provided the only conceivable selection pressure for the evolution of hominid brains – and by symbolic reference he means the use of arbitrary symbols to stand for something else. Among the advantages of symbolic communication are mother-infant communication, passing on foraging tricks, manipulating competitors, collective warfare and defence, passing on toolmaking skills, and sharing past experiences. "There are too many compelling options to choose from," he says. But, he argues, these could only have come into play once the "symbolic threshold" was already crossed.
Once true symbolic communication was possible simpler languages (now extinct) would have created a selection pressure for bigger and better brains able to understand them and extend them, leading ultimately to our modem kind of language. But we had to cross the "symbolic threshold" in the first place.

So how and why did this happen?
For marriage, he says.
According to Deacon, early hominids could only take advantage of a hunting-provisioning subsistence strategy if they could regulate their reproductive relationships by symbolic means.

Symbolic culture was a response to a reproductive problem that only symbols could solve: the imperative of representing a social contract (The Symbolic Species).

On this theory, then, symbolic communication began because it was needed to regulate marriage, and then was gradually improved because of the myriad advantages it provided for other forms of communication.


S. 167)
Ich habe mehrere populäre Theorien diskutiert, die sich mit der Funktion von Sprache beschäftigen. Alle Autoren haben erkannt, dass hier ernsthafte Probleme vorliegen, und zu erklären versucht, warum Sprache für die frühen Hominiden einen Selektionsvorteil bedeutete. Ich bin nicht davon überzeugt, dass einer von ihnen das Rätsel des Ursprungs der menschlichen Sprache wirklich gelöst hat. Sie müssen erklären, warum es nur eine einzige Art gibt, die mit Hilfe einer komplexen grammatikalischen Sprache kommuniziert, warum diese eine Art ein Gehirn hat, das so viel größer ist als das ihrer nächsten Verwandten und warum diese eine Art herumläuft und nicht nur über Sex, Essen und Kämpfen redet, sondern auch über Mathematik, die Vorteile von Macintosh gegenüber Windows und Evolutionsbiologie diskutiert. Komplizierte Sachverhalte an andere weitergeben zu können, bietet offenbar Vorteile. Wenn sich die Umwelt verändert, kann sich eine Art, die in der Lage ist zu sprechen und neue Kopiertechniken weiterzugeben, schneller anpassen, als eine Art, die sich nur durch genetische Veränderungen anzupassen vermag. Kann das Grund genug sein für all die kostspieligen Veränderungen, die die Evolution herbeigeführt hat, um uns das Sprechen zu ermöglichen? Ich weiß es nicht.
Ich kann nach diesem notwendigerweise kurzen Überblick über die existierenden Theorien nur den Schluss ziehen, dass es in dieser Frage keine wirkliche Übereinstimmung gibt.

p. 116 f.)
I have considered several popular theories of the function of language. All their authors realise there are serious problems, and have tried to explain why language would have given early hominids a selective advantage.
I am not convinced that any of them really solves the mystery of human language origins.
They need to explain why there is just one species capable of communicating with complex grammatical language, why this one species has a brain so very much bigger than its nearest relatives, and why this one species goes around talking not only about sex, food, and fights, but also about mathematics, the advantages of Macintosh over Windows, and evolutionary biology. There are obviously some advantages to being able to communicate complicated things. When the environment changes, a species that can speak, and pass on new ways of copying, can adapt faster than one that can adapt only by genetic change. Could this be reason enough for all the expensive changes that evolution has brought about in order to give us speech? I do not know. I can only conclude, after this necessarily brief review of the existing theories, that there is no real consensus over the issue.


S.168 f.)
Die Memetik liefert einen neuen Zugang zur Evolution von Sprache, weil wir darwinistisches Denken auf zwei Replikatoren anwenden, statt nur auf einen einzigen. Nach dieser Theorie ist Sprache sowohl ein Produkt genetischer als auch memetischer Selektion.
Kurz gesagt lautet die Theorie folgendermaßen: Die menschliche Sprachfähigkeit stellte primär für die Meme einen Selektionsvorteil dar, nicht für die Gene. Die Meme veränderten dann die Umwelt, in der die Gene selektiert wurden, und zwangen sie so, immer bessere memverbreitende Apparate zu bauen. Mit anderen Worten besteht die Funktion von Sprache darin, Meme zu verbreiten.
Das ist eine kühne Behauptung, und ich werde meine Argumentation daher Schritt für Schritt entwickeln und dabei auf das aufbauen, was wir über Koevolution wissen.
Ich habe bereits erklärt, wie eine Koevolution zwischen Memen und Genen ein großes Gehirn hervorgebracht haben könnte. Um den Sachverhalt nochmals zusammenzufassen: Wenn sich Imitation erst einmal entwickelt hat, kommt ein zweiter Replikator ins Spiel, der sich viel rascher als der erste ausbreitet. Da die Fähigkeiten, die anfangs kopiert werden, biologisch nützlich sind, zahlt es sich für den Einzelnen aus, die besten Imitatoren zu kopieren und/oder sich auch mit ihnen zu paaren. Diese Verknüpfung hat zur Folge, dass erfolgreiche Meme zu diktieren beginnen, welche Gene am erfolgreichsten sind: diejenigen Gene, die für die Ausbreitung dieser Meme verantwortlich sind. Die Gene können nicht vorausgesehen haben, welche Auswirkung die Schaffung eines zweiten Replikators haben würde, und können die Uhr, wie die Dinge liegen, nicht mehr zurückdrehen. Sie werden nun von den Memen vorwärts getrieben. Daraus resultiert die dramatische Zunahme der Gehirngröße. Diese Theorie sagt nicht nur ein zunehmend größeres Gehirn voraus, sondern ein Gehirn, das speziell darauf ausgelegt ist, die erfolgreichsten Memtypen weiterzuverbreiten.
Ich werde darlegen, dass dies genau auf uns zutrifft, und das dies die Evolution der Sprache erklärt. Wenn erfolgreiche Meme die Evolution des Gehirn vorantreiben, dann müssen wir fragen, welche Meme dies sind.

p. 117 f.)
Memetics provides a new approach to the evolution of language in which we apply Darwinian thinking to two replicators, not one. On this theory, memetic selection, as well as genetic selection, does the work of creating language.
In summary, the theory is this: The human language faculty primarily provided a selective advantage to memes, not genes. The memes then changed the environment in which the genes were selected, and so forced them to build better and better meme-spreading apparatus. In other words, the function of language is to spread memes.
This is a strong claim and I shall therefore take the argument slowly, building on our understanding of coevolution.
I have already explained how meme-gene coevolution could have produced the big brain. To summarise: once imitation has evolved, a second replicator comes into being which spreads much faster than the first. Because the skills that are initially copied are biologically useful, it pays individuals both to copy and to mate with the best imitators. This conjunction means that successful memes begin to dictate which genes are most successful: the genes responsible for improving the spread of those memes. The genes could not have predicted the effect of creating a second replicator and cannot, as it were, take it back. They are now driven by the memes. This is the origin of the dramatic increase in brain size. This theory predicts not only an increasingly large brain but a brain that is specifically designed to be good at spreading the most successful kinds of memes.
I shall argue that this is exactly what we have, and that this explains the evolution of language.
If successful memes drive the evolution of the brain, then we need to ask which memes these are.